Die Mitternachtssonne. Das Gefühl, als gäbe es kein morgen, einfach nur Spaß zu haben und den niemals enden wollenden Tag zu genießen, ist einfach wundervoll. Auf diejenigen aber, die ihren Schönheitsschlaf brauchen, werden durchaus gewisse Herausforderungen zukommen.

Sich selbst zum Einschlafen zu bringen, ist nicht die größte Aufgabe, vor der man im Licht der Mitternachtssonne stehen wird. Nein, die wahre Herausforderung ist es, kleine Kinder zum Schlafen zu bewegen. Die Uhr zeigt an, dass es längst schon Schlafenszeit wäre. Zwar wird es Stunde um Stunde immer wieder aufgeschoben, doch sie sind immer noch aufgeregt, voller Energie und ihre Augen glänzen schelmisch: „Aber es ist doch noch hell draußen!“. Das Schlimmste ist, dass all dies bereits im April beginnt und bis in den August hinein andauert.

Die Uhr schlägt Mitternacht, aber die Nacht fällt nie.

Das mitternächtliche Licht ist eines jener herrlichen Dinge, die man hier erleben kann. All diese extra Stunden des Lichts, die den Frühling und die Blumen in Gärten und Wiesen während der intensiven Sommermonate geradezu explodieren lassen. Das Licht, dank dem man mit einem Baby, das nicht einschlafen will, auf einen Mitternachtsspaziergang gehen kann. Oder wegen dem man einfach vor seinem Zelt auf einer Bergwiese sitzt, nur um ganz allein die surrende Stille zu genießen – denn die Tiere sind nachts besonders aktiv. Und genau in diesem Licht verliert man sich auch beim nächtlichen Fliegenfischen an einem Fluss im Nirgendwo, bis der Nebel, der leichtfüßig auf der Wasseroberfläche tanzt, schließlich doch verrät, wie spät – oder früh – es wirklich ist.

Tatsache ist, dass unser Gehirn ein bisschen wie ein Vierjähriger funktioniert. Wenn uns der gesunde Menschenverstand sagt, dass es allmählich Schlafenszeit wird und morgen ein neuer Tag beginnt, antwortet das Gehirn mit dieser kindlichen Mischung aus Fassungslosigkeit und Trotz: „Aber es doch noch hell draußen!“. Und manchmal helfen uns unsere Gefühle dabei nicht gerade, sondern werfen ein: „Und ich habe gerade so viel Spaß!“. Dann lässt uns das Licht der Mitternachtssonne vergessen, dass wir alt und weise sind. Wir sitzen einfach am Lagerfeuer, unterhalten uns und lachen bis weit in die frühen Morgenstunden.

Und wenn sich der gesunde Menschenverstand doch durchsetzt? Naja…ich spreche hier aus Erfahrung – als jemand, der im Land der Mitternachtssonne aufgewachsen ist, hier lebt und unterwegs ist. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, verschiedene Wege ausprobieren zu können, um das Licht irgendwie zu ignorieren, damit man wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommt. Ein schweres Wolltuch oder eine Bettdecke vors Fenster hängen: Check. Es ist eine wahre Freude, wenn man dort ein paar Nägel findet! Eine Matratze vors Fenster lehnen: Check. Mit Klebeband ein Tuch an die Fensterscheiben kleben, einen Hut über die Augen ziehen, tiefer in den Schlafsack kriechen oder zu viel Wein trinken: Check. Ja – das meiste davon funktioniert, zumindest eine Weile. Ich habe aber auch erlebt, wie es ist, wieder aus dem Bett zu müssen, um das Wolltuch erneut zu befestigen. Oder aufzustehen, weil eben diese Decke beschlossen hat, herunter zu fallen und dabei eine Lampe oder Kerze umzustoßen. Oder das Schwitzen anzufangen, weil der Schlafsack heiß ist und man keine Luft mehr bekommt, wenn man ihn sich über den Kopf zieht.

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Der Begriff „Mitternachtssonne“ bezieht sich auf das Phänomen des fortlaufenden 24-stündigen Sonnenlichts nördlich des Polarkreises. Orte, an denen sich die Sonne weniger als 6-7 Grad über dem Horizont befindet, erleben stattdessen mitternächtliches Dämmerlicht, sodass Tagesaktivitäten wie Lesen in einer klaren Nacht auch ohne künstliches Licht möglich sind. Das Phänomen ist auch bekannt als „weiße Nächte“ oder „Mitternachtslicht“.

Glücklicherweise haben die meisten Campinghütten und Hotelzimmer heute Verdunkelungsvorhänge und Jalousien. Sie sind effektive Mittel, um das Licht draußen zu halten, wo es auch hingehört. Fensterläden, wie man sie zum Beispiel an den Hütten im Kirchendorf von Lövånger findet, sind meiner Meinung nach der beste Weg, um einen lichtgefluteten Raum in einen Ort zu verwandeln, an dem man die Hand nicht mehr vor Augen sieht. Und wenn wirklich nichts anderes mehr hilft: Man kann es auch mit einer Schlafmaske versuchen. Wenn man denn mit einer schlafen kann…

Zu viel Wein zu trinken, sollte man vielleicht nicht empfehlen. Außer es handelt sich um den speziellen Anlass des „Aber es ist doch noch hell draußen und ich habe einfach so viel Spaß!“. Dann ist es auch angebracht, den Moment ein klein wenig mehr zu genießen, wieder Teenager zu sein, Zeit mit anderen am Lagerfeuer zu verbringen und dem Ruf des Prachttauchers zuzuhören, wenn der Morgennebel einen daran erinnert, wie spät – oder früh – es wirklich ist.

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