Die Region, die wir Schwedisch Lappland nennen, erhielt ihre Gestalt durch die Eiszeit, durch die Jahreszeiten und natürlich auch durch die Menschen, die hier, auf Tuchfühlung mit den Naturgewalten, ihr Leben verbracht haben. Und doch ist es wohl das Rentier, das mehr als alles andere unseren Lebensstil geformt hat.

Bei Nutti Sámi Siida in Jukkasjärvi frisst mir ein Ren namens Bulmmot aus der Hand. Ich habe die Faust voller Rentierfutter und Bulmmot scheint es zu mögen, ungefähr so, wie ich Polly im Süßigkeitenladen mag. Bulmmot ist das nordsamische Wort für »Haussperling«, und dieses kastrierte männliche Ren hat tatsächlich eine fein graumelierte Zeichnung, genau wie der Vogel. Aber er heißt auch deshalb so, weil er klein, träge und ein bisschen gedrungen ist. Er ähnelt einfach in seiner ganzen Art einem Spatzen.

Im Gehege von Nils Torbjörn Nutti in Jukkasjärvi leben rund zwanzig Rentiere. Alle haben einen Namen, der etwas über ihren Charakter oder ihr Aussehen verrät, oder auch ein wenig darüber, was sie für ihren Besitzer Nils Torbjörn bedeuten. Da gibt es Linis, Girjak und Dábaláš, was »gewöhnlich« heißt. Es kommt mir etwas ungerecht vor, weil Dábaláš sehr hübsch ist. Oder Áddjá Muzet, »Opas Schwarzbrauner«, das letzte Rentier, das Nils Torbjörns Großvater noch markiert hat, bevor der Enkel übernahm.

Die Sprache der Samen ist beschreibungsstark. Als mein Haustier den Namen Frasse erhielt, lag das nur daran, dass meine Fantasie gerade eben so weit reichte. Aber wenn ein Ren Bulmmot heißt, dann deshalb, weil der Name zu seiner Persönlichkeit passt. Sobald das Kraftfutter aus meiner Hand verschwunden ist, geht Bulmmot zurück zu seiner Herde, bei der er sich am wohlsten fühlt.

Das Leben und der Lebensraum des Rentiers sind ständig bedroht. Die globale Erwärmung ist heutzutage eine Realität, so wie vor zehntausend Jahren die Eiszeit eine Realität war. Das Ren hat sich und seine Lebensgewohnheiten mit dem Vordringen und dem Zurückweichen des Eises kontinuierlich verändert. So funktioniert Evolution, über Jahrtausende hinweg.

Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass die Rentiere auf Spitzbergen kurze Beine haben, während die Tiere der im Wald lebenden Samen in Sápmi langbeinig sind. Denn lange Beine sind im Eismeersturm nicht von Vorteil, in einer schneereichen Waldlandschaft hingegen von großem Nutzen.

Die Rentiere haben sich ihrem arktischen Lebensraum vollkommen angepasst. Nehmen wir beispielsweise das Geweih. Im Unterschied zu vielen anderen geweihtragenden Tierarten sind sowohl die Renkuh als auch der Bulle damit ausgestattet. Aber während der Bulle im Spätherbst sein Geweih verliert, behält die Kuh das ihre. So kann sie ihre Kälber gegen angreifende Raubtiere verteidigen und außerdem Bullen von ihrem Futter fernhalten. Für einen Renbullen wiederum wäre es eine unnötige Belastung, sein großes Geweih nach der Brunftzeit noch durch den Winter zu schleppen, wenn es gilt, mit der Energie hauszuhalten.

Das Winterfell des Rens ist die reinste Sauna. Deshalb ist es für das Tier eher ein Problem, sich der Wärme zu entledigen. Dafür hat es ein System entwickelt, das Blut in den Beinen zirkulieren zu lassen, wo es heruntergekühlt wird, weil dort kein Fettgewebe unter der Haut liegt. Eine andere Methode, die Hitze loszuwerden, besteht darin, dass das Ren, ähnlich wie Hunde, Flüssigkeit über seine große Zunge ausschwitzt.

Der faszinierendste Körperteil, den das Ren entwickelt hat, ist aber sein Maul – ein wahnsinnig schlauer Wärmeregler. Wenn wir Menschen bei minus 30 Grad ausatmen, bildet sich bei jedem Atemzug um uns herum eine Wolke aus warmer Luft, angereichert mit Wasserdampf. Wenn wir herumlaufen, gefriert sie an unserem Gesicht. Das Ren dagegen kann in seinem Maul die Temperatur der Ausatmungsluft bis auf 21 Grad senken. Auf diese Weise wird der Körper des Tieres nicht mit Raureif bedeckt und kann die Wärme bei sich behalten. Aber der Vorgang funktioniert auch in umgekehrter Richtung, genau wie bei einem Wärmeaustauscher. Das Ren kann sein Maul so öffnen, dass es Wärme in vollem Schwall auspustet, zum Beispiel dann, wenn es gejagt wird.

Der faszinierendste Körperteil, den das Ren entwickelt hat, ist aber sein Maul – ein wahnsinnig schlauer Wärmeregler.

Aber nicht nur durch sein Maul passt sich das Rentier vollkommen den arktischen Verhältnissen an. Forscher in London haben herausgefunden, dass das Ren im Laufe des Jahres die Farbe seines Augenhintergrunds wechselt, um sein Sehvermögen auf effektive Weise zu optimieren. In der dunklen Jahreszeit ist der Augenhintergrund der Tiere blau, während er sich im Sommer gelb färbt, weil sie dann einen Schutz gegen das ständige Sonnenlicht benötigen. Das blauäugige Winterren dagegen kann die wechselnde UV-Strahlung besser ausnutzen.

Angesichts der globalen Erwärmung ahnt man schon, dass die Rentiere sich allmählich auch den neuen Bedingungen völlig anpassen würden. Und da stellt sich die Frage: Kann es sein, dass wir das noch erleben werden?

Wenn man davon ausgeht, dass sich auch im samischen Alltag der Terminkalender immer schneller füllt, muss die Antwort wohl lauten: Nein. Aber die Auswirkungen der modernen Wachstumsgesellschaft samt Autobahnen, Eisenbahnen, Hochspannungsleitungen und Staudämmen sind sicher ein größeres Problem als die Frage, ob die Rentiere es schaffen werden, wegen des Klimawandels ihre traditionellen Wanderrouten zu ändern. Eins kommt zum anderen – auch für Lebewesen, die in der Lage sind, die Lufttemperatur im eigenen Maul um ganze zehn Grad zu reduzieren.

Welche Bedeutung hat das Ren für die Menschen, die mit ihm und von ihm leben? Carl-Johan Utsi ist Fotograf und Physiker, aber auch Rentierzüchter. Wir treffen uns in der kleinen Hütte, die er neben der Rentierkoppel in Guorpak besitzt.

Er betreibt seine Rentierzucht im Samendorf Sirges, mit Weidegründen in Badjelánnda und Jokkmokk. Er lebt mit seinen Tieren und seiner Kamera in einer Art Symbiose. Mit einem Fuß in jeder der beiden Welten. Er hat Technische Physik an der Universität Uppsala studiert und ist dann wieder in seinen Heimatort Jokkmokk zurückgekehrt.

»Ich habe mehr Nutzen davon, als ich glaubte«, sagte er sich, als er beschlossen hatte, wieder mit den
Rentieren anzufangen.«

»Beim Studieren geht es ja um Problemlösungen und bei der Rentierwirtschaft ist es eigentlich auch nicht anders.«

Carl-Johan berichtet, dass er fort wollte, ein bisschen Rebell sein, gegen die samische Tradition revoltieren. Aber in den Ferien des vierten Studienjahres sagte sein Vater, er sehe ja nun, dass es für den Jungen an der Uni gut laufe, und deshalb würde er die Rentiere verkaufen. Das traf Carl-Johan wie ein Schlag – daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Er war nicht darauf gefasst, diesen Teil seines Lebens zu verlieren.

»Der Rentierwald, das ist ein Gefühl und gleichzeitig ist es die absolute Realität. Das Ren ist unser stärkstes Bindeglied zur Natur. Es ist mein Zugang zu allem, was echt und richtig ist.«

»Von neun bis fünf arbeiten kann jeder. Das ist kein Sport. Aber versuch mal, deine materielle Existenz mit dem Leben im Rentierwald zu vereinbaren. Das ist unmöglich, solange du nicht spürst, dass du total abhängig bist von diesem klappernden Geräusch, das die Rentierhufe erzeugen. Es hat beinahe etwas Metaphysisches. Etwas, auf das ich nicht verzichten kann. Ja, für mich ist dieses Geräusch eine geradezu körperliche Erfahrung und der Gedanke daran, es nicht mehr hören zu dürfen, tut mir innerlich weh.«

Ja, für mich ist dieses Geräusch eine geradezu körperliche Erfahrung und der Gedanke daran, es nicht mehr hören zu dürfen, tut mir innerlich weh.

»Es ist etwas seltsam, vielleicht doppelbödig. Im Rentierwald stelle ich keine hohen Ansprüche, ich will nur draußen sein. Das ist ein befreiendes Gefühl. Gleichzeitig ist es schwierig, rein ökonomisch oder unternehmerisch zu überleben.«

»Aber verzichten geht nicht?«

»Nein. Wenn du mich fragst, was das Ren für mich bedeutet, dann lautet die Antwort: Visut!«

»Visut?«

»Ja, das ist ein nordsamisches Wort, das ungefähr besagt: alles, was ich mir wünsche. Oder zumindest: alles, was ich brauche.«

Lese auch
  • Elch-Watching: Augen auf im Wald!

    Hier wird man langsam an die letzte Wildnis Europas, wie sie üblicherweise bezeichnet wird, herangeführt. Sanft beginnend mit Kochkaffee, Zimtschnecken und einer Tour durch eine Wildnis-Ausstellung – zu Ende gehend in einem Loch im Eis im absoluten Nirgendwo.

    Ted Logart
  • Das höhere Land

    Von den Samen wird es Badjelánnda – Das höhere Land, genannt. Dieser Teil von Lappland ist die perfekte Gegend für Wanderer, die gerne etwas für sich sein wollen. Unser Kollege Håkan Stenlund machte sich am Herbstanfang auf zur sogenannten Konsul Persson Stuga. Es sollte eine einsame Wanderung in die Vergangenheit werden.

    Håkan Stenlund
  • Ein neues Level: Fotografieren unter der Mitternachtssonne

    Wenn die Sonne tatsächlich nicht untergeht, so bedeutet das schlichtweg mehr Stunden Spaß am Tag. Und wenn du gerne fotografierst, so wird dich das Licht während dieser hundert nachtlosen Tage vor neue Herausforderungen stellen und dir helfen, dein Können weiterzuentwickeln.

    Therese Sidevärn