Lenin war hier. Als er zurückkam, zettelte er die Revolution an. Ganz so hohe Ziele habe ich mir für meine Reise nicht gesteckt. Heute Abend mache ich Station in Haparanda, um mir ein Steak und ein Pils zu gönnen, vielleicht ein paar Pommes und etwas Bearnaise dazu, aber ausschweifender wird es nicht.

Morgen will ich meine Entdeckungsfahrt durch Tornedalen fortsetzen. Lenin kam im April 1917 mit dem Zug in Haparanda an. Er war so etwas wie ein Exilant auf einem komfortablen Interrailtrip durch Europa. Bevor er in Haparanda landete, hatte er vom deutschen Geheimdienst zwei Millionen Dollar bekommen, um zu Hause eine Revolution veranstalten zu können.

Durch Haparanda kamen auch die Zarengattin Maria Feodorova und viele andere Prominente. Damals war das Stadthotel, wie die ganze Stadt Haparanda, der Ort, an dem sich Ost und West begegneten.

Das ehrwürdige »Stadshotell« in Haparanda, Schwedens östlichster Ortschaft.

Ein Artikel in der Zeitschrift Vi berichtet, dass die Stadt im September 1916 mehr als 200 Spione beherbergte. Das prächtige Interieur des Hotels zeugt bis heute davon, dass diese Wände einige ehrenwerte Geschichten zu erzählen haben. Ein paar zwielichtige übrigens auch.

Morgen will ich weiter, stromaufwärts am Torneälven entlang. Obwohl ich einen großen Teil meines Lebens ganz in der Nähe verbracht habe, obwohl ich regelmäßig den Fluss überquere, um nach Finnland zu fahren und obwohl einige der weltgrößten Lachse hier herumschwimmen, weiß ich immer noch ziemlich wenig über diese Region.

Manchmal heißt es, dies sei die friedlichste Grenze der Welt. 1809 hatten wir Krieg mit Russland. Danach, also seit mehr als 200 Jahren, haben die Menschen auf beiden Seiten der Grenze gelebt, ohne einen Grund zum Streiten zu finden. Im Gegenteil, eine sehr spezielle Kultur hat sich in diesem Flusstal herausgebildet.

Arthotel Tornedalen

Ein Fluss, zwei Länder, drei Kulturen und vier Sprachen, sagt man. Aber das stimmt nicht: Die Mischung ist noch vielfältiger. Bei den drei Kulturen handelt es sich um die finnische, die schwedische und die samische. Aber es gibt außerdem noch eine vierte Sprache im Tal, Meänkieli, und damit wohl auch eine vierte Kultur. Keine Kultur ohne Sprache – und umgekehrt gilt dasselbe.

»du musst ein schild aufstellen«, sage ich zu Gunhild Stensmyr, der Chefin des Arthotel Tornedalen. »Warum denn? Du hast doch hergefunden. Und die Gäste, die hier wohnen wollen, finden uns auch«, antwortet Gunhild. »Genau so soll es sein. Ich will, dass meine Gäste kommen, weil sie sich für uns entschieden haben. Nicht, weil sie ein Schild sehen.«

Gunhild Stensmyr spricht einen Dialekt, der nicht nur verrät, dass sie aus der Gegend stammt, sondern auch, dass sie nicht vorhatte, hier zu bleiben. Tatsächlich war sie mehr als vierzig Jahre fort, hat an einigen der wichtigsten Kunstmuseen Schwedens gearbeitet und ist immer weiter südwßrts gezogen, bis sie in Schonen landete – und dann bekam sie Heimweh.

»Café Utblick« auf dem Luppioberg. Foto: Maria Sirviö.

Wenn man das Hauptgebäude des Arthotels betritt, fällt es sofort auf: Die Kunst an den Wänden ist weder Flohmarktware noch von der Sorte jener Massenprodukte, die für neu erbaute Stadthotels passend zur silbrigen Tapete gekauft werden. Das hier ist richtige Kunst. Ausgewählt von jemandem, der wirklich etwas davon versteht. In dem Saal, der in Hotels gewöhnlich Konferenzraum heißt, hängt ein großartiges Bild von Astrid Svangren.

»Ich behaupte, dass kein anderes Hotel in der Region eine bessere Kunstsammlung hat als wir«, sagt Gunhild, als ich vor einem Gummikubus von Matthias van Arkel stehen bleibe.

Für gunhild ist kunst eine Passion. Eine Leidenschaft, die ansteckt und die man nicht für sich behalten will. Eines der sichtbarsten Symptome ist das Projekt Konsthalltornedalen.se, das sie – mit Gleichgesinnten – in nicht allzu ferner Zukunft realisieren will.

Huuva hideaway, Liehittäjä

»Das Interesse an unserem Architektenwettbewerb für die Kunsthalle Tornedalen war unglaublich groß«, berichtet Gunhild. »Zuerst wollten wir einen allgemeinen Wettbewerb ausschreiben. Aber dann glaubten wir, das mit unserem Verein nicht bewältigen zu können. Also haben wir fünf Architekten ausgewählt, die gerade im Kommen sind.«

Mehrere bekannte Architekten bedauerten es sehr, nicht mitmachen zu dürfen. »Du weißt ja, wie das ist. Wenn es darum geht, etwas Großartiges zu schaffen, wollen alle dabei sein.« Die Wahl fiel schließlich auf den Finnen Anssi Lassila, der inden letzten Jahren mehrere Preise gewonnen hat. Wenn alles nach Plan läuft, geht Gunhild Stensmyrs Traum bald in Erfüllung und Tornedalen bekommt eine eigene Kunsthalle von Weltformat.

Kukkolaforsen.

Am nächsten tag besuche ich noch einen Ort, an dem die Passion regiert: das »Café Utblick« auf dem Luppioberg. Die Aussicht von diesem Berg ist so märchenhaft, dass der Name für das Café unvermeidlich war. Teile der schwedischen Fernsehserie Bastubaletten wurden hier auf der Terrasse gedreht. Vielleicht beruht der Erfolg der Serie, abgesehen von den schönen Bildern und der starken Choreografie, in Wahrheit auf dem Widerspruch, der sich manchmal anfühlt wie das Dilemma von Tornedalen oder ganz Schwedisch Lappland. Auf dem Stereotyp, das Schwedens nördlichster Destination anhaftet: dass die Menschen hier angeblich so vollkommen anders sind. Ich spreche darüber mit Mattias Barsk, dem Produzenten von Bastubaletten. Warum diese Liebe zu Tornedalen?

»Du kannst es auch Hassliebe nennen. Als ich 14 war und in Tärendö wohnte, wollte ich bloß weg. Ich erlebte meine Umgebung hier als gewaltig beschränkt. Jetzt, mit 40, sehe ich, dass sich etwas verändert hat. Und das wollten wir in der Serie hervorheben«, sagt Mattias Barsk.

»Klar, die Leute haben immer noch diese Stirnfalten. Sie mühen sich ständig ab und arbeiten hart. Alles, wonach sie sich sehnen, ist ein Dankeswort, ein kleines Lob.«

Ich rufe bei huuva hideaway in Liehittäjä an. Henry Huuva meldet sich, übrigens einer der Mitwirkenden in Bastubaletten. Ich frage, ob in seinem »Versteck« noch ein Zimmer frei ist. Und tatsächlich: Die Seehütte »M/S Floataway« steht zur Verfügung. Ich fahre hin. Liehittäjä, der Name des Dorfes, in dem die Familie Huuva wohnt und vermietet, soll auf Altfinnisch »verführerisch « bedeuten. Das verstehe ich nur zu gut, als ich abends auf einem wohnlichen Floß mitten im Nirgendwo sitze. So verflixt schön. Ich genieße mein Bier und frage mich, wie es kommt, dass ich über diese Gegend so wenig weiß.

Saunamuseum, Kukkolaforsen. Foto: Pantheon.

Ich denke an den schwedischen Poeten Gunnar Ekelöf und sein klassisches Gedicht Non Serviam: »Ich bin ein Fremdling in diesem Land, aber dieses Land ist kein Fremdling in mir.« Auch wenn es in diesem Gedicht um etwas ganz anderes geht, erkenne ich mich darin wieder. Wie kommt es, dass ich meine eigene Heimatregion so wenig verstehe? Meine Großmutter wurde nur einen Steinwurf von hier geboren, aber ich weiß kaum mehr, wie ihr Mädchenname lautete. Ich beschließe, irgendwann tief in mein kulturelles Erbe einzutauchen.

In kukkola gibt es ein Saunamuseum mit dreizehn verschiedenen Saunatypen. Aber das ist kein Museum, das man einfach nur anschaut. Hier muss man mitmachen und dabei schwitzen. Am Eingang zur Saunaanlage von Kukkolaforsen steht: »Die Sauna ist die Apotheke der Armen.« Es gab im Prinzip keine Krankheit, die man nicht in der Sauna zu heilen versuchte. Im finnischen Nationalepos Kalevala wird erzählt, dass man sogar den Tod in die Sauna einlud. In der Hoffnung, ihn zu kurieren.

Ich hingegen will noch ein wenig weiterreisen, auch nach der Sauna. In westlicher Richtung, an einem der vier schwedischen Nationalflüsse entlang. Aber erst einmal brauche ich etwas zu essen. Es heißt, die Räuchermaränen in Kukkola seien etwas, worum man sich bemühen sollte. Dann fangen wir doch damit an.