Auf eintausend, zweihundert und achtundzwanzig Meter über dem Meer findest du Schwedens höchste Berghütte: Låktatjåkko. Es dauert ein paar Stunden, um von Björkliden aus dorthin zu wandern und nach etwa der Hälfte des Weges wird sich bereits dein Heißhunger auf Waffeln bemerkbar machen.

Ich bin schon sehr oft hier gewesen – Sommer wie Winter – und denke vielleicht auch deshalb schon so bald an die Waffeln. Ich versuche mich zu entscheiden, ob ich Moltebeer- oder Himbeermarmelade dazu essen soll, aber am Ende gebe ich dann doch nach: Es müssen einfach die Moltebeeren sein – Ich bin schließlich in Lappland und die Beere steht auf vielerlei Weise sinnbildlich für Låktatjåkko. Immerhin hatte die Berghütte die Moltebeere sogar lange Zeit in ihrem Logo verwendet. Wenn du deine Waffel mit noch mehr himmlischen Aromen willst, so bestell sie dir mit Moltebeeren und Västerbotten-Käse!

Die Hütte wurde 1939 gebaut, mitten in den Wirren des Krieges. Im Gebiet westlich von Kiruna gab es keinerlei Straßen und jeglicher Transport erfolgte über Wanderwege oder Wasserläufe. Allerdings war die Eisenbahn bereits 1902 gebaut worden und brachte, auch wenn die Strecke Erzbahn genannt und zum Transport von Erz eingesetzt wurde, Touristen mit dem Zug hinauf nach Björkliden.

Da sich die Menschen schon immer für Orte interessieren, die am höchsten und weitesten entfernt liegen, entschied man sich für den Bau einer Hütte auf dem Luoktačohkka Bergpass. Es war wohl kein Zufall, dass sie während des Krieges entstand, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat die inzwischen mehr als 75 Jahre alte Hütte uns lebensbejahende Bergwanderer stets stilvoll bewirtet. Nicht alle schwedischen Berghütten bieten ein kleines Stückchen Dolce Vita zwischen kahlen Felsvorsprüngen, Moos und dem Schnee des letzten Winters – ‚Låkta’ aber gehört auf jeden Fall dazu. Nach einem drei-Gänge Menü möchte man sich nur noch vor den Kamin kuscheln und den Inhalt seines Cognac Schwenkers genießen.

Es stimmt schon irgendwie, dass das Bergwandern auf die schwedische Art seit jeher einer Schnecke ähnelt, die sich mit schwerem Gepäck durch die Gegend schleppt. Aber auch das hat seinen Reiz. Sein eigenes Haus auf dem Rücken zu tragen, finde ich nicht schlimm. Ich habe nichts dagegen, im Zelt zu schlafen und schwere Lasten zu schultern. Niemals wird es einfacher sein, sich ein Zimmer mit Aussicht auszusuchen, als wenn du es quasi direkt auf dem Rücken trägst. Du wirst bald verstehen, dass ‚der Weg die Anstrengung wert’ ist – und zwar jedes Mal, wenn du auf eine neue Wanderung durch die Berge Schwedisch-Lapplands aufbrichst. Früher ging es nur darum, von A nach B zu kommen und dabei einen etwas zu schweren Rucksack dabei zu haben. Vielleicht ist man auch mit Verbissenheit alle Strecken des Kungsleden, des Königspfades, marschiert.

In letzter Zeit aber hat sich der Fokus etwas gewandelt.

Immer mehr Wanderer steuern einen Ort an, von dem aus sie kürzere Tagestouren unternehmen können. Auf diese Weise ist der Abend gemütlich und alles gut organisiert, aber man kann dennoch tagsüber tolle Wanderungen genießen. Auch ich persönlich schätze die Unkompliziertheit und den Komfort, an einem netten Plätzchen zu bleiben und – vor allem – gut essen zu können. Das Leben dreht sich dann weniger um Planung, sondern mehr um die Möglichkeiten, die sich einem bieten. Der Tag lässt sich richtig nutzen, wenn man kürzere Tagestrips wählt und sich nur darum kümmern muss, welches Getränk am besten zum Essen passt.

Dies wird in Schwedisch-Lappland immer häufiger. Wie bereits erwähnt, liegt Björkliden in der Nähe von Låktatjåkko. Weiter westlich befindet sich das berühmte Riksgränsen, im Osten das beliebte Wanderziel Abisko: Der Start- oder Endpunkt für den Kungsleden, je nach Richtung. Absiko und Riksgränsen lassen sich auch durch den Rallarvägen kombinieren.

Der Kebnekaise ist natürlich ein weiteres spannendes Ziel für den Bergwanderer, der Tagestrips bevorzugt. Und wenn man Glück hat und das Wetter mitspielt, kann man ja auf den höchsten Gipfel Schwedens laufen? Wenn man schon mal hier ist… Weiter südlich in Schwedisch-Lappland liegt Saltoluokta, im Welterbe Lappland, einem Ort, der für den lebensbejahenden Realitätsflüchtling ein wahres Paradies geworden ist. Noch ein bisschen weiter südlich liegt Ammarnäs, direkt in der Mitte des Vindelfjäll Nationalparks. Dort wurde unlängst ein komplett neues System aus kürzeren Wanderwegen eingeführt. Es verspricht ein perfektes Timing für Wanderer, deren Pfade sich am besten immer in Reichweite eines Weinglases’ befinden sollten. In den Bergen zu wandern, muss nicht mehr unbedingt Entbehrungen bedeuten. Es kann vielmehr der pure Genuss sein.

Foto: Fredrik Broman

Aber zurück nach Låktatjåkka. Zurück zum Bergpass zwischen den zwei Gipfeln, zurück zu einem wunderschönen Ausblick und heimeliger Atmosphäre. Zurück zur Frage, ob man noch eine Låkta-Waffel essen soll oder vor dem Abendessen lieber ein bisschen Trail-Running unternimmt. Aber mal ehrlich: Warum sich entscheiden? Hier kann man beides tun. Das Yin und Yang der Berge: Erst ein bisschen Anstrengung, dann die Belohnung. Das funktioniert auch prima in umgekehrter Reihenfolge.

Wie ich gelesen habe, besteht das Abendessen heute aus kleinen Rote-Beete-Pastetchen und Ziegenkäsebällchen mit Pinienkernmantel, serviert mit geräuchertem Rentierherz als Vorspeise, danach folgt ein Elch-Entrecôte mit Hasselback-Kartoffeln sowie gebratenen Pfifferlingen als Hauptgang. Und – da ich immerhin übers Laufen nachdenke – auch das Dessert klingt verlockend: Dunkler Schokoladenkuchen mit Gewürzbirnen und Vanilleeis. Genau das, was ich liebe.

Foto: Maria Sirviö

Über die Låktatjåkko Mountain Lodge
Die Låktatjåkko Mountain Lodge ist eine Unterkunft mit 18 Betten, verteilt auf 10 Zimmer. Alle Zimmer verfügen über ein eigenes Waschbecken, Gemeinschaftsduschen und Toiletten im Flur. Frühstück ist im Preis inbegriffen. Im Sommer kann man zur Lodge wandern, im Winter ist sie per Ski, Snowmobil oder Pistenraupe erreichbar. Erfahre mehr auf der Lapland Resorts Website.

Sobald ich mich entschieden habe, ziehe ich mich um. Ich hole meine Laufhose und nehme eine winddichte Jacke sowie einen Hut mit, um mich vor dem Wind zu schützen. Dann bestelle ich noch eine meiner Lieblingswaffeln, einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Ich setzte mich hin und schreibe eine Postkarte von der höchsten Bar Schwedens. Ich berichte, wie toll es hier ist und nachdem ich gegessen habe, mache ich mich auf in Richtung Berge.

Auf dem Weg nach draußen erzählt mir Wirtin Ulrika, dass die Sauna aufgeheizt sein sollte, bis ich wieder zurück bin – wenn ich das denn gerne möchte. Allein der Gedanke an eine warme Sauna und ein kaltes Bier reicht als Motivation völlig aus, also sage ich „Ja, gerne“. Dann stecke ich meine Postkarte in Schwedens höchsten Briefkasten. In ein paar Tagen werden meine Freunde wissen, was für eine tolle Zeit ich hier habe. Im Moment bin ich allerdings noch der einzige, der das weiß.
Mir aber erschien dies immer genug – allein dieses Gefühl, vollständig und zufrieden, an einem wunderschönen Fleckchen zu sein.

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