In Schwedisch Lappland ist die Natur ein wesentlicher Bestandteil von Leben und Arbeit. Die Menschen hier sind höchst feinfühlig für die kleinen Details der wechselnden Jahreszeiten. Daher erscheint es auch nur natürlich, dass das Volk der Samen acht anstatt nur vier Jahreszeiten kennt.

In Schwedisch Lappland leben wir in unmittelbarer Nähe zur Natur und nicht selten wird die Region als Nordeuropas letzte Wildnis bezeichnet. Für uns aber, die wir hier leben und arbeiten, ist die Natur alles andere als wild. Sie ist unser kulturelles Erbe und der Ort, an dem wir unseren Alltag sowie unsere Freizeit verbringen. Zudem verdienen viele von uns ihren Lebensunterhalt mit und dank der Natur.

Dadurch, dass sie ihre Rentiere von den Winter- auf die Sommerweideplätze treiben, sind die Samen besonders aufmerksam, was die Variationen der Jahreszeiten und des Klimas betrifft. Auch wenn sich der Großteil des samischen Volkes heute mehr oder weniger dauerhaft niedergelassen hat, sind sie deswegen nicht weniger abhängig von Jahreszeiten und Klimabedingungen. Dieses einzigartige Wissen ist unerlässlich in einer Region, in der es derart große Kontraste zwischen Sommer und Winter gibt, wie beispielsweise Temperaturschwankungen von bis zu 70 Grad.

Wann also sind diese acht Jahreszeiten? Ich kann es euch gerne erklären. Beginnen wir mit einer meiner liebsten: Frühlings-Winter. Das ist in der Tat die Jahreszeit, die wir in Schwedisch Lappland am meisten schätzen.

Gidádálvve. It's finally here, spring-winter. The sun warms the nose and skis runs easily on the white snow.

Frühlingswinter – endlich setzt sich die Sonne wieder durch

Frühlings-Winter – auf Samisch gidádálvve – fällt auf März/April und bringt nach mehreren Monaten des harten Winterwetters sowohl Wärme als auch Licht zurück. Es ist ein unglaubliches Gefühl, endlich das kraftvolle warme Sonnenlicht auf dem wintermüden Gesicht zu spüren, wie es die Sommersprossen hervorkitzelt. Dem Tropfen der Dachrinne und dem Zwitschern der Vögel zu lauschen – am besten beidem auf einmal.

Dies ist die Jahreszeit für furchtlose Schneemobilexpeditionen über gefrorene Seen, ins Gebirge, über Waldland hinweg oder für fantastische Skitouren mit offener Jacke und einer dicken Schicht Sonnencreme auf dem Gesicht.

Um wirklich in diese Stimmung zu kommen, baue ein Sofa aus Schnee, rolle ein Rentierfell aus, entzünde ein Lagerfeuer und grille ein paar Würstchen. Für den samischen Rentierhirten aber ist der späte Winter eine arbeitsreiche Zeit, da die Rentierherde von den Winterweideflächen im Waldland oder den Küstengebieten hinauf in die höheren Lagen transportiert werden müssen. Hier ist es einfacher, die Herden im Blick zu behalten und sicherzustellen, dass die Weibchen vor dem Kalben in Ruhe gelassen werden.

Gidá. Buds waiting to burst out in summer greenery. In an extremely short time and with help of the light nights, nature explodes in chlorophyll.

Der Winter verliert an Kraft – der Frühling ist da

Der späte Winter macht Platz für den Frühling, der April und Mai umfasst. Auf Lule-Samisch wird diese Phase gidá genannt. Im Süden Schwedisch Lapplands beginnt das Eis zu schmelzen, die reinen, kristallklaren Gewässer plätschern und fließen.

Der Mai lässt die Laubbäume in üppiges Grün ausbrechen und die ersten Frühlingsblumen beginnen zu blühen.

Oben in den Bergen bleiben die Nächte noch kalt, aber die Tagestemperaturen sind angenehm und die Bedingungen somit perfekt für Schneemobil- oder Skitouren. Im Frühling werden auch die Rentierkälber geboren und machen ihre ersten unsicheren Schritte unter den wachsamen Augen der stolzen Weibchen.

Gidágiesse.The ice has released the grip and the water is again free, while the greenery is still fighting against the snow.

Frühlingssommer – es ist den ganzen Tag hell

Im Juni, wenn sich der Frühling allmählich in den Frühlingssommer verwandelt – im Lule-Samischen gidágiesse genannt, werden die Sommernächte immer heller. Zu dieser Zeit bricht die Landschaft in eine üppige, blattgrüne Explosion aus Chlorophyll und Wachstum aus. Es ist verblüffend, wenn man bedenkt, dass exakt diese Gegend noch vor wenigen Monaten in einem eisigen, weißen Griff gefangen war.

Es ist der Beginn der Wander- und Radfahrsaison. Außerdem sollte man nun seine Eisangel wegpacken und die Spinn- oder Fliegenruten hervorholen.

Oben in den Bergen genießen die Rentiere eine höchst willkommene Phase der Ruhe, noch ohne Insekten und blutrünstige Mückenschwärme. Sie nutzen diese Chance, in den reichlichen Birkenhainen und Sumpfgebieten ausgiebig zu weiden.

Giesse. In the glowing summer night, cool, comfortable and mosquito-free, the calves are labeled with a signature cut in the ear.

Wärme und eine pulsierende, sattgrüne Landschaft zu Sommerbeginn

Juni/Juli kündigt die langersehnte Wärme des Sommers an – giesse im Lule-Samischen. Jetzt ist die Zeit gekommen, um in den seichten Gewässern des Meeres zu schwimmen, sich auf den Felsen zu sonnen, die Schönheit des Archipels zu genießen, in einem der Tausenden von Seen der Region zu baden oder die vom Wandern müden Füße in einem plätschernden Gebirgsbach abzukühlen.

Mit der Ankunft des Sommers bleiben auch die Nächte hell. Genieße nun die breite Palette an Natur und Erlebnismöglichkeiten – von der Küste bis hinein ins Gebirge. Oder frage die Einheimischen nach ihren Lieblingsplätzen. Nimm dir Zeit, schwelge in Wärme und Gelassenheit. Dies ist die Zeit, vor den anstehenden Herbst- und Wintermonaten deine Batterien richtig aufzuladen.

Der Sommer ist eine hektische Zeit in den Sami-Dörfern. Die Rentierherden wurden nun in höher gelegene Gebiete gebracht, um Insekten und Hitze zu vermeiden. Jetzt ist es an der Zeit, die neugeborenen Kälber zu markieren. Die Familien kommen zusammen, um einander zu helfen. Das Markieren findet oft in den kühlen, hellen Sommernächsten statt. Die Hirten der Waldgebiete bleiben das ganze Jahr über in den bewaldeten Bereichen. Sie wenden einen alten Trick an, der während des Sommers nach wie vor für die Kälbermarkierung genutzt wird. Dabei werden mit Moos große Feuer angezündet, um die Rauchentwicklung zu fördern. Dies hilft zumindest etwas, die Insekten von Mensch und Tier fernzuhalten.

Tjaktjagiesse. Shoe hay to dry in the sun. It will help keeping the feet warm all winter in the traditional sami shoes.

Ein Karneval der Farben hält mit dem Herbstsommer Einzug

Der August markiert den Beginn der Herbstsommer-Zeit, im Lule-Samischen auch tjaktjagiesse genannt. Die Beeren und Pilze in den Wäldern werden allmählich reif, genährt vom Sommerlicht und prall gefüllt mit Vitaminen, Mineralien und Antioxidantien.

Es ist nun höchste Zeit, vor dem langen Winter unsere Vorratskammern und Gefriertruhen mit den Gaben der Natur zu füllen. In dieser Phase werden die Abende und Nächte immer dunkler, die Insekten verschwinden langsam und die Schatten der Berglandschaft verändern sich. Unternimm zu dieser Jahreszeit eine Wanderung und du wirst mit wahrhaft atemberaubenden Kulissen belohnt werden.

Der späte Sommer ist zudem eine entscheidende Phase für die Rentiere, die nun eifrig alles fressen, was die Natur ihnen gerade zu bieten hat. Sie müssen sich eine Fettschicht zulegen und Muskelmasse ansetzen, um durch die Wintermonate zu kommen.

Tjaktja. Autumn offers high, crisp air and the mountain bursts into a magnificent color cavalcade.

Der Herbst ist die Zeit der Jagd

September und Oktober sind die Herbstmonate, im Lule-Samischen als tjaktja bezeichnet. Die Sonne steht hoch am Himmel. Die Tage können warm und angenehm sein, auch wenn der klare, hohe Luftdruck den Jahreszeitenwechsel verrät. Die frostigen Nächte breiten eine weiße Schicht über die Landschaft, wenngleich man immer noch Pilze und Beeren finden kann – zumindest Anfang September.

Im Herbst ist Jagdsaison, gekennzeichnet von der langersehnten, traditionellen Elchjagd, die im September beginnt. Auch dies ist wieder eine arbeitsreiche Zeit für die Rentierhirten. Die Rentiere grasen nun hauptsächlich in den tiefer liegenden Gebieten. Mitte September, kurz vor der Brunstperiode, müssen die nicht kastrierten Männchen schließlich geschlachtet werden. Kälber, die im Sommer entwischt sein sollten, werden nun noch markiert.

Tjaktjadálvve. Calm before the storm. The reindeer suit on eating the last bait before oestrous and winter.

Herbstwinter bringt Dunkelheit und Licht

November/Dezember ist die frühe Winterzeit – tjaktjadálvve im Samischen. Die Tage werden kürzer und die Landschaft weiß, sobald die ersten Schneefälle einsetzen. Den Schnee empfängt man mit offenen Armen – denn er erhellt nicht nur die dunklen Winterabende und Nächte. Vor allem aber bildet er den riesigen, weißen Spielplatz, der Schwärme von Skibegeisterten beherbergt, die gierig darauf warten, dass die Pisten und Strecken endlich wieder in Betrieb genommen werden. Wenn die Wettergötter mitspielen, kann dies bereits Anfang November der Fall sein.

Die Rentiere ernähren sich von restlichem Gras und Segge, das sie auch in den Waldgebieten und Sümpfen finden können. Darauf liegt nun eine dicke Schneeschicht. Im frühen Winter ist ebenfalls Schlachtsaison. Es sind diesmal vor allem die Kälber, die im November/Dezember an der Reihe sind. Auch die Rentierherden werden in Wintergruppen aufgeteilt, um dann zu Winterweideflächen im Waldland oder, in manchen Fällen bis hin zur Küste, gebracht zu werden.

Tjaktjadálvve. Just before the ice settles, lakes and streams releases mist, shrouding the landscape with mystery. But at a little higher altitude, we can see freely over the mountain tops.

Der Winter breitet seinen weißen Mantel aus

Winter – oder dálvve – ist die längste der acht Jahreszeiten und dauert von Dezember bis März. Die Winterkälte hat alles fest im Griff und vereist die Landschaft in unzählige phantastische Formationen. Erbarmungslose Schneestürme wüten im Gebirge, den Waldgebieten und entlang der Küste, den großen Schneeteppich nur noch verstärkend.

Wenn du draußen sein willst, ist es unerlässlich, dass du dich entsprechend kleidest. Wende das Zwiebelprinzip an, mit Wollstoff direkt am Körper und einer dicken Daunenjacke, die deine Körperwärme speichert. Die Bedingungen mögen hart sein, aber wir warten nicht nur drinnen auf die Frühlingssonne. In Schwedisch Lappland nutzen wir ebenso die Wintermonate – und auch du wirst das tun.

Dálvve. The snow and frost embeds nature. For the reindeer herders, it means many months of hard work to find good winter pasture for the reindeers.

Diese Saison hat einen breite Palette von Outdoor-Aktivitäten zu bieten. Dazu zählen Schneeschuhwandern, Schneemobilfahren, Skilaufen und Eisfischen. Die Natur zeigt sich in dramatischer Winterlandschaft und liefert kristallklare Abende, während du nachts sogar einen flüchtigen Blick auf die atemberaubenden Nordlichter erhaschen kannst. Die strahlenden Lichter über den Nachthimmel tanzen zu sehen, ist ein wirklich magisches Erlebnis. Während dieser Phase werden die Rentierherden täglich überwacht, auch wenn die Tiere frei weiden dürfen. Vor allem Bodenflechten dienen ihnen dann als Nahrung. Perfekt an das arktische Klima angepasst, können Rentiere während Kälteperioden Wasser und Energie speichern.

#swedishlapland auf Instagram
Lese auch
  • Fit für die Arktis

    Die Region, die wir Schwedisch Lappland nennen, erhielt ihre Gestalt durch die Eiszeit, durch die Jahreszeiten und natürlich auch durch die Menschen, die hier, auf Tuchfühlung mit den Naturgewalten, ihr Leben verbracht haben. Und doch ist es wohl das Rentier, das mehr als alles andere unseren Lebensstil geformt hat.

    Håkan Stenlund
  • Der Wintermarkt von Jokkmokk

    Das knirschen des Schnees unter den Schuhen, Temperaturen, die auf bis zu minus 30 Grad fallen können, dampfende Atemzüge und ein Gewirr verschiedener Sprachen. Der eisige Winter glitzert prächtig. Es...

    Iréne Lundström
  • Elch-Watching: Augen auf im Wald!

    Hier wird man langsam an die letzte Wildnis Europas, wie sie üblicherweise bezeichnet wird, herangeführt. Sanft beginnend mit Kochkaffee, Zimtschnecken und einer Tour durch eine Wildnis-Ausstellung – zu Ende gehend in einem Loch im Eis im absoluten Nirgendwo.

    Ted Logart