Stimmt es wirklich, dass jeder in den Wäldern und an den Stränden Schwedisch Lapplands einfach so herumlaufen darf? Man Beeren pflücken und ein Zelt aufschlagen kann, wo immer man möchte? Ja, genau so läuft das in unserem demokratischen Wald.

Zusammen mit meinen Eltern Moltebeeren pflücken zu müssen, ist wohl die langweiligste Kindheitserinnerung, die ich habe.

Man befand sich in gebückter Haltung mitten im Sumpfgebiet, bewacht von Nadelbäumen, nicht der Hauch eines Windes in Sicht und unter seinem Halstuch, dass bestenfalls nur ungenügend Schutz gegen die Mücken bot. Zudem war man völlig durchgeschwitzt. Die nassen Socken rutschten in den Gummistiefeln schmatzend herum und mit den Händen schlug man wie verrückt um sich, um die Blutsauger irgendwie aus dem Gesicht zu verjagen. Nein, daran habe ich keine schönen Erinnerungen.

Aber heute mache ich mit meinen Kindern genau das gleiche. Ich nehme sie mit in die Wälder, eingecremt mit mehreren Schichten Mückenschutzmittel sowie Moskitonetzen auf dem Kopf, die sie ablegen können, wenn es ihnen zu heiß wird. Mit schlaflosen Nächten dank juckender Stiche als Lohn, jagen wir das Gold der Arktis.

Ich mache das, weil ich mich auch an die Waldlichtung erinnere, die von einem Sonnenstrahl erleuchtet wurde, an die Stille und den Picknick-Korb mit Wurstbroten sowie heißer Schokolade, die Mama immer auf einem Baumstumpf servierte. Und wie stolz ich doch auf die Reichtümer in meinem kleinen, aus Rinde geflochtenen Körbchen war. Wenn wir nach Hause kamen, so schmeckte das Leben stets nach der Süße des alten Waldes – mit Vanille-Eis.

Jeden Sommer packen wir einen Rucksack mit Feuerholz, Würstchen, einer Kaffeekanne, extra Mückenschutzmittel und einem anständigen Waldmesser. Das ist ein Messer, dass Äpfel ebenso schälen kann, wie Grillstöckchen schnitzen. Dann geht es mit der ganzen Familie hinaus in die Wälder, natürlich mit Gummistiefeln. Es ist Erntezeit.

In Schweden darf jeder in den Wäldern wandern, Beeren pflücken, zelten und ein Lagerfeuer machen. Der Zugriff auf die Natur ist unser Recht. Definiert ist es im sogenannten “Allemansrätt” (Jedermannsrecht).

Aber wie sagte ein weiser Mann einst: Große Freiheit bringt auch große Verantwortung mit sich.

Nach diesem geltenden Recht kannst du dich in jedem Wald aufhalten, Beeren pflücken und sie mit nach Hause nehmen. Aber du darfst Boden und Vegetation dabei keinen Schaden zufügen, wie zum Beispiel Sträucher ausreißen, Rinde entfernen oder große Mengen von Moos sammeln. Auch auf geschützte Pflanzen muss man achten – man sollte also keine Blumen pflücken, die man nicht kennt. Natürlich darf man auch die Privatsphäre seiner Mitmenschen nicht verletzten, wie zum Beispiel Häuser umgebende Grundstücke.

Es ist in Ordnung, dort ein Lagerfeuer zu machen, wo keine Gefahr besteht, dass sich das Feuer ausbreitet. Aber man sollte niemals ein Feuer auf einem Stein entzünden, da Steine zerspringen können. Man kann Zapfen oder Zweige verbrennen, die man auf dem Boden findet, aber es ist verboten, Bäume zu fällen. Nimm dir also am besten ein wenig Feuerholz mit. Das kannst du übrigens an der nächsten Tankstelle kaufen. Bevor du gehst, vergewissere dich, dass das Feuer auch wirklich gelöscht ist. Wenn du wohin kommst, wo es bereits eine Feuerstelle gibt, nutze diese, anstatt eine neue zu bauen. Feuerstellen sind Wunden im Boden, die nur langsam heilen.

Foto: Carl-Johan Utsi.

Man darf fast überall zelten, außer in der Nähe eines Hauses, eines Hofes oder einer Weidefläche mit grasenden Tieren – was ja auch logisch ist. Mit zwei oder drei Zelten ein paar Tage lang zu campen, ist im Jedermannsrecht festgehalten. Bei größeren Gruppen oder einem längerem Aufenthalt aber sollte man besser den Grundstücksbesitzer um Erlaubnis fragen.

In den Nationalparks gelten bezüglich offenem Feuer und Camping wieder andere Regeln. Informiere dich immer, welche Vorschriften in welchen Zeiträumen für den betreffenden Nationalpark gelten. So ist es zum Beispiel verboten, Hunde mitzunehmen. Darüber hinaus existieren strikte Regeln für den Schutz der empfindlichen Vegetation.

Kurzum: Bei uns hast du die Freiheit, einfach in den nächsten Wald zu ziehen und so viele Heidelbeeren, Preiselbeeren sowie Moltebeeren zu pflücken, wie du nur tragen kannst – solange du deinen gesunden Menschenverstand einschaltest. Füge der Natur keinen Schaden zu und hinterlasse keinen Müll. Achte auf Schilder oder Aushänge und sprich vielleicht mit der Touristeninformation oder der Gemeindebehörde, wenn du dir bezüglich der geltenden Regeln nicht sicher bist. Solltest du dich in der Gegend nicht auskennen, besorge dir im nächsten Touristenzentrum eine Karte zur Orientierung. Außerdem ist es immer eine gute Idee, einen Kompass dabei zu haben.

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Für mehr Informationen, besuche swedishepa.se.

Niemals aber wird dir jemand verraten, wo der beste Platz ist, um Beeren zu pflücken.

Im Juli leuchten die ersten Beeren in Schwedisch Lappland, je nach Region (in den Bergen später als an der Küste). Heidelbeeren sind als erste reif und wie Preiselbeeren in Nadelwäldern ganz leicht zu finden. Die durch die moderne Forstwirtschaft entstandenen und etwas älteren Lichtungen sind normalerweise ein guter Ausgangspunkt. Weil man sie suchen muss, werden die guten Plätze für Moltebeeren, Moosbeeren, Kreuzdorn sowie arktische Brombeeren geheim gehalten. Zudem ist es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand sein bestes Pilzrevier verrät. Leider. Hier hört das Jedermannsrecht dann doch auf.

Aber lass dich davon nicht abhalten, auf einem Waldweg eine Pause einzulegen, um einen Handvoll Heidelbeeren zu essen, ein Feuer zu machen und eine Tasse Kaffee zu kochen. Es könnte eine deiner schönsten Erinnerungen werden: Selbst wenn es harte Arbeit ist, sie zu pflücken – sie zu essen, wird niemals lästige Pflicht werden.

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