Von den Samen wird es Badjelánnda – Das höhere Land, genannt. Dieser Teil von Lappland ist die perfekte Gegend für Wanderer, die gerne etwas für sich sein wollen. Unser Kollege Håkan Stenlund machte sich am Herbstanfang auf zur sogenannten Konsul Persson Stuga. Es sollte eine einsame Wanderung in die Vergangenheit werden.

“- einer von denen, welchen die Wüste zu Häupten steht und die einen Stern ihren Bruder nennen. Einsam. Aber Einsamkeit kann eine Kommunion sein.”

Der Wind bläst recht frisch im Schatten den Sulitelmamassivs. Ich habe am Ufer des Sårjåsjaure mein Zelt aufgeschlagen, obwohl es im Haus, wegen dem ich ja eigentlich hierher gewandert bin, sicherlich Platz geben würde. Ich habe für Häuser aber nicht besonders viel übrig. Eigentlich würde ich gerne draußen, unter offenem Himmel schlafen, aber das Wetter lässt es heute einfach nicht zu. Der Neuschnee, der auf die umliegenden Gipfel fällt, zeigt sich hier unten auf einer Höhe von 860 Metern über dem Meeresspiegel, vielmehr als Sprühregen. Das Einmann-Zelt ist die beste Lösung für dieses Problem.

Das Haus, das ich vorhin erwähnt habe, ist übrigens die „Konsul Perssons Stuga“ am Sårjåsjaure – auf der Karte auch als ”Sårjåsjaurestugan” bezeichnet – entlang des Nordkalottleden. Umgangssprachlich wird sie aber stets Konsul Perssons Stuga genannt, ein Klassiker in der schwedischen Bergwelt. An den Sårjåsjaure kam der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld zusammen mit seinen Freunden. Sein Buch „Zeichen am Weg“ wird mir auf dieser Wanderung die einzige Gesellschaft sein.

Ich habe das Werk schon viele Male gelesen, meine Taschenbuchausgabe fällt bereits auseinander, doch ich lese es auch gerne noch einmal. Obwohl ich also alleine unterwegs bin, so wandere ich doch niemals richtig einsam. Ich fange mit meiner Fliegenrute ein paar Forellen am Auslauf des Sårjåsjaure. Eine von ihnen darf mein spätes Abendessen werden. Die anderen Fische setze ich zurück. Ich brauche sie nicht. Die Forellen nehmen die Fliegen, die ich als Köder über der Wasserfläche tanzen lasse, entschieden und ohne zu zögern. Man merkt, dass der Herbst im Anmarsch ist. Fische werden, genauso wie Menschen, im Herbst deutlich weniger wählerisch. Man muss sich eben einen Vorrat anfressen. Ich bereite den Fisch auf dem Gaskocher im Zeltvorraum zu. Auf knusprigem Brot schmeckt er ganz ausgezeichnet.

„Sorge nicht, wohin dich der einzelne Schritt führt: Nur wer weit blickt, findet sich zurecht”

Von der Konsul Perssons Stuga sind es 18 Kilometer nach Staloluokta. Doch zu den Staddajåkkåstugorna, wo Ylva Paval Hüttenwirtin ist, sind es nur sechs Kilometer. Ylva ist aus Jokkmokk und ihre Familie hat ihre Rentiere hier in der Gegend. Sie hat früher die Sommer in Staloluokta verbracht. Im Grunde genommen ihre ganze Kindheit. – Jetzt habe ich aber gedacht, es sei an der Zeit, ein wenig weiter von ihnen weg zu sein, also von der Familie, sagt sie und lacht. Es ist selbstverständlich und auch richtig so, dass die Rentierzüchter entlang des Wanderweges Hütten im Park betreiben. Lieber treffe ich eine Ylva Pavval aus Jokkmokk, als eine Ylva Irgendwer aus Stockholm als Hüttenwirtin in Lappland. Ich störe Ylva mitten im morgendlichen Abwasch, was ihr vermutlich gar nicht so ungelegen kommt. Wir unterhalten uns eine Weile. Dann ruft wieder das Spülwasser.

Es gibt hier drei Samensiedlungen, Jåhkågasska, Sirkas und Tourpon, die sich die guten Rentierweideflächen teilen. Padjelanta wurde 1963 nach einem Parlamentsbeschluss zum Nationalpark erklärt. Der Autor Sten Selander hatte bereits 1957 vorgeschlagen, dass die Umgebung ein Nationalpark werden sollte. Der Grund hierfür ist das spezielle Hochlandterrain mit seiner für die Bergwelt einzigartigen Flora. Heute ist der Badjelánnda ein selbstverständlicher Teil des Welterbes Lappland. Auch das Wort Badjelánnda, das höhere Land, ist selbsterklärend. Von der kompletten Ausdehnung des Parks, 1.984 km2, besteht genauso viel aus Gletschern, wie aus Bergbirkenwald, nämlich jeweils 14 km2. (Auch wenn die globale Erwärmung bereits sichtliche Spuren hinterlassen hat) Außerdem gibt es hier zwei große, dominierende Seen-Systeme, den Virihaure und Vastenjaure. Sie verleihen der Umgebung einen wunderbaren Hochplateau-Charakter, umgeben von den großen, alpineren Sarek- und Sulitelmamassiven.

„Miss nie des Berges Höhe, ehe du den Gipfel erreicht hast. Dort wirst du sehen, wie niedrig er ist.“

Der Virihaure wirkt bei Staloluokta fast wie ein Binnenmeer. „Stalo“ ist eine Art Drehkreuz, denn hier treffen sich sowohl der Padjelantaleden als auch der Nordalottleden. Vor allen Dingen aber kommen viele Menschen hierher. Die einen werden vom Helikopter hin-, die anderen wiederum von dort weggebracht. Die meisten Wanderer, die ich treffe, sind auf dem Weg dorthin. ”Heute Abend werde ich in Staloluokta in die Sauna gehen”, sagt ein deutscher Alleinwanderer, den ich an der Brücke über den Viejejåkkå treffe. ”Die verkaufen dort sicher auch Bier”, fügt er mit durstigem Blick hinzu.

Im Jahr 1732 kam der ”König der Pflanzen” Carl von Linné von Jokkmokk nach Virihaure. Das wenige, das ich über Linnés Reise gelesen habe, wirkte so, als habe es ihm in Staloluokta ganz gut gefallen. Allerdings mochte er den Fisch nicht, der ihm angeboten wurde. „…frischer, gekochter Saibling, den ich kaum verzehren konnte, da er nicht ausreichend gesalzen war“. Den Käse und die Klöße aus Rentierblut aber mochte er. Aus seinen Notizen wird ebenfalls deutlich, dass er von den Samen – Lappen, wie er sie nannte – durchaus beeindruckt war. Er stellte fest, dass sie ein gesundes Leben führen mussten, von dem man einiges übernehmen könnte. Es ging sogar soweit, dass Linné damit begann, sich genauso wie die Samen im Schneidersitz niederzulassen, um seine Muskeln zu dehnen.

Der Aufenthalt am Virihaure war also nicht annähernd so schlimm wie jener, als sich Linné und seine Weggefährten auf einer früheren Reise im Elend des Sumpfgebietes Lyxmyra, westlich von Lycksele im südlichen Lappland, verirrten. Damals schrieb er: „Niemals kann ein Priester die Hölle so beschreiben, dass sie schlimmer wäre als das hier…Ich habe die Unterwelt durchschritten.“

Der höchste Punkt des Padjelantaleden befindet sich auf gut 950 Meter zwischen Tuottar und den Tarraluoppalstugorna. Nichts, was man erwähnen müsste. Und absolut keine Mutprobe oder ein Streifzug durch die Unterwelt. Ich treffe auf Menschen mit Kopfhörern in den Ohren, die kaum Zeit haben, „Hallo“ zu sagen. Ich persönlich wandere immer ohne iPod, Mp3 oder ähnliches. Ich will die Geräusche der Natur nicht verpassen, wie es heult und bläst und der Regen unten im Tal fortwährend auf mich einprasselt. Die Natur wird nie vollständig still. Nicht einmal hier. Ein Stückchen entfernt höre ich den Goldregenpfeifer, sein Laut ist Sinnbild für die Verlassenheit und den Wehmut der Bergwelt.

”Der Staub legt sich schwer, die Luft stirbt, das Licht wird glanzlos in dem Raum, den zu verlassen wir nicht ständig bereit sind.”

Das Dasein als Alleinwanderer hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Wenn du das Lager aufschlägst, kannst du dich auf niemand anderen verlassen. Du musst dir selbst dein Teewasser aufsetzen, dein Zelt selbst aufstellen und dich mit dir selbst unterhalten. Für gewöhnlich bin ich mit ein paar Leuten unterwegs, für die das hier gewissermaßen ganz natürlich ist. Sie erledigen alles mit der entsprechenden Ordnung und mit einer beeindruckenden Effektivität. Da muss man eigentlich nur noch zusehen und seine eigene Isomatte alleine aufblasen. Das ist dieses Mal aber nicht so und ich erledige deshalb alles in einer gewissen Ordnung – zumindest meine Art von richtiger Ordnung.

Ich habe dieses Mal meinen großen Trangia-Gaskocher mitgenommen. Außerdem habe ich einen viel zu schweren Schlafsack dabei und eine Isomatte, die zu viel Platz braucht. Ich notiere mir in Gedanken, dass ich unbedingt ein paar neue Sachen kaufen muss, wenn ich wieder zuhause bin. Nachdem ich so viel Zeit draußen verbringe, wäre es sicher nicht falsch, gute Ausrüstung zu haben, die leichter ist, weniger Platz braucht und besser funktioniert. Hier geht es um Komfort und Effektivität. Die Vorteile des Alleinwanderers sind natürlich, dass du nur auf dich selbst Rücksicht nehmen musst. Du kannst gehen, wann und wohin du willst. Du kannst essen, wenn du hungrig bist, ausruhen, wenn du es brauchst und nicht jemand anderer. Auf gewisse Weise ist es auch eine Herausforderung, alleine unterwegs zu sein. Du musst eventuell aufkommende Situationen nach deinem eigenen Urteilsvermögen lösen.

”Frei zu sein, aufzustehen und alles zu verlassen – ohne einen Blick zurück. Ja zu sagen.” 

Das Wetter während meiner Wanderung ist weder ausgesprochen schlecht, noch besonders gut. Der Wind hält sich hartnäckig, die Wolken hängen tief, die Gipfel verschwinden zwischen grauen Regenstöcken. Aber da weder Sturm noch Unwetter aufkommen, geht alles leicht voran. Bis zu meinem 25. Lebensjahr passte im Grunde alles, was ich besaß, in einen Rucksack, der nur wenig größer war, als den, mit dem ich jetzt umher wandere. Ich glaube, das war die Zeit im Leben, in der ich am freiesten war. Heute, wo ich tonnenweise Dinge angesammelt habe, bin ich weitaus gebundener. Ich stelle mir oft die Frage: Könnte ich einfach weggehen und nicht mehr zurückblicken? Das ist eine interessante Frage, denn sie enthüllt auf jegliche Weise, was im Leben von Bedeutung ist. Dinge sind oft nur etwas, das wir uns anschaffen, weil wir etwas anderes sein möchten. Aber das Leben selbst ist noch viel größer, als das eigene Spiegelbild.

Natürlich spreche ich hier nicht von Verantwortungslosigkeit. Einfach wegzugehen und seine Kinder zu verlassen oder seine Lebensaufgabe aufzugeben, ist nicht das gleiche, wie bereit zu sein „nicht zurück zu blicken“.

Das, worüber ich hier spreche, ist all jenes, was uns an einen Platz auf der Welt, an dem wir leben, bindet. Ist es, weil wir uns dort wohlfühlen oder weil wir versuchen, uns dort wohlzufühlen? Oder, was noch schlimmer ist, um so zu scheinen, als gehe es uns dort gut. Alles, was ich brauche, passt in einen Rucksack. Und mein Dach über dem Kopf ist ein Zelt. Warum habe ich dennoch so viel anderes? Ein Abend, unterhalb der Tarrekaisestugan, wo der Pärlälv nahe dem Pfad dahinfließt. Ich sehe ein paar Saiblinge aufgehen und werfe meine Fliege aus. Ein Saibling nimmt den Köder und schon habe ich mein Abendessen. Eigentlich muss es doch gar nicht komplizierter sein.

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