Auf Samisch heißt es Geargevággi, was übersetzt so viel wie Steintal bedeutet. Im wahren Leben aber könnte es genauso gut ‚ein Märchen’ heißen.

– What the —–, hast du schon mal sowas Cooles gesehen, Zach?
Der amerikanische Fotograf Andy Anderson ruft zu seinem Sohn Zach hinüber und das Steintal füllt sich mit seinem Echo. Der aber antwortet nicht. Er wirkt hinter seiner eigenen Kamera völlig vertieft in den Moment.
– Zach, wo bist du? Ich hab was zu dir gesagt.
– Umm…
– Stimmt doch oder? Ist das nicht einfach großartig?

Dann setzt Andy die Arbeit mit Modell Ellinor Hansson Baas weiter fort, die auf einer der vielen massiven Felsformationen im Tal hin und her läuft. Hinter der Kamera höre ich Andy irgendwas über Magie murmeln.
Als sich der Tag dem Ende neigt und die Dunkelheit langsam hereinbricht, gehen wir wieder zum Torneträsk hinunter. Da fragt mich der preisgekrönte Fotograf:
– Wie kann es sein, dass diesen Ort niemand kennt? Das muss doch einer der schönsten Orte in ganz Schweden sein.
– Ja, stimmt. Aber ein paar Leute wissen schon davon. Ich versuche, die Frage zu umgehen.
– Äh, also heute waren wir praktisch alleine hier. Wir haben sicher nicht mehr als zehn Menschen im ganzen Tal gesehen? Ich meine, wären das die Staaten, so würde zumindest ein großes Schild an der Straße stehen, das einem zeigt, wo man hin muss.
– Ich weiß… Aber manchmal bin ich froh, dass es magische Plätze wie diesen hier noch gibt, der eben nicht auf jeder Reise-Checkliste steht.
– Hey, Mann, das versteh ich. Das war echt verdammt beeindruckend.

Kärkevagge – auf Nordsamisch Geargevággi – bedeutet Steintal. Wenn du die etwa 400 Höhenmeter von der Låktatjokko Station hier heraufgewandert bist, wirst du verstehen, warum. Tausende von riesigen Felsbrocken liegen überall verstreut im herrlich grünen Tal. Diese Spuren hat die Eiszeit hinterlassen. Von der Station bis hinauf ins Kärkevagge sind es nur acht Kilometer. Wenn du den ganzen Weg bis zum See Rissajaure weitergehen willst, so hast du weitere vier Kilometer auf einem einfachen Wanderweg vor dir. An diesem Tag aber sind wir zwischen den majestätischen Felsbrocken im Kärkevagge hängen geblieben, auch wenn ein Bad im Rissajaure unser eigentliches Ziel gewesen wäre. Für einen Fotografen ist es ein magischer Ort, für alle anderen einfach ein Platz zum Entdecken. An diesem Tag ertappe ich mich hunderte Male bei dem Gedanken, wie schön es für mich als Kind gewesen wäre, hierher zu kommen. Eine Landschaft, die meine Fantasie weit über Harry Potter und den Herrn der Ringe hinaus beflügelt hätte. Hinter jedem Felsen, jedem Bergkamm, jedem Schritt etwas Neues, ein neuer Ausblick. Kurz gesagt: Das hier ist eine Landschaft, die weit über das Normale oder die ‚Wirklichkeit’ hinausgeht.

Der Rissajaure, oder von den Einheimischen auch oft Troll-See genannt, liegt genau dort, wo die immer noch von Gletschern bedeckten Berge Vássecohkka und Biran emporragen. Er trennt außerdem das Kärkevagge vom Gorsavággi/Kårsavagge, einem weiteren magischen Tal in Schwedisch-Lappland. Der Troll-See soll der klarste See in ganz Schweden sein. Er ist 34 Meter tief und an einem klaren Tag kann man problemlos bis auf den Grund sehen. Wäre der See tiefer, so würde die Klarheit wohl noch beeindruckender wirken. Auch wenn das Wasser im See direkt aus dem Vássejietnja-Gletscher kommt, so gehen die Leute hier gerne schwimmen, nachdem sie die mehr als 10 Kilometer von der Låktatjokko Station hergewandert sind. Dieses Erlebnis lässt sich am besten mit dem Wort „frisch“ zusammenfassen. Eines ist sicher: Es wird dich garantiert aufwecken. Ein Tipp für ein etwas angenehmeres Bad wäre es, sich einen tieferen Teil des Baches Kärkejokk zu suchen. Dieses Gewässer, das aus dem Troll-See fließt, ist für die satte Vegetation im Kärkevagge verantwortlich. Hinter den riesigen Felsblöcken ist das Laub üppig grün.

Fakten
Die STF Abisko Mountain Station und das Mountain Hotel in Björkliden bieten im Sommer geführte Wanderungen/Tagestouren durch das Kärkevagge zum Troll-See an. Für jene, die alleine dorthin wandern möchten und lediglich einen schönen Platz zum Übernachten brauchen, ist die Abisko Mountain Lodge immer eine gute Option. Eine andere Möglichkeit ist es, dort für eine Nacht sein Zelt aufzuschlagen, um das Tal im Abend- sowie Morgenlicht zu erleben. Vielleicht setzt man anschließend die Tour noch bis zur Låktatjåkko Mountain Station fort, bevor man hinunter Richtung Kårsavagge wandert. Kaum irgendwo sind die schwedischen Berge schöner als hier.

Andy, Zach, Ellinor und ich stapfen fröhlich weiter hinunter zum Auto. Die Amerikaner kommen immer wieder darauf zurück, wie unglaublich schön es hier ist und was für einen ‚Wahnsinns-Tag’ wird doch hatten. Dem kann man nur zustimmen, auch wenn wir schon öfters hier gewesen sind. Es ist eben eine einzigartige Landschaft, wissenschaftlich betrachtet von einer Gletscherzunge geformt, die vom Hauptgletscher durch die Kärkereppe getrennt wurde – Eis, das langsam schmolz und dabei diese Felsblöcke zurückließ. Einige von ihnen sind so groß wie Häuser. Wer aber schert sich um wissenschaftliche Theorie? Jedes Mal, wenn ich hier umherwandere, fühle ich mich wieder jung. Das Geargevággi wirkt auf mich vielmehr wie aus einem Märchen. Und in diesem Zusammenhang ist es leicht, an das ewige Glück zu glauben. An diesem Abend essen wir mit Dick und Mina zusammen in der Abisko Mountain Lodge. Als wir uns draußen auf die Veranda setzen, bricht die Nacht herein und das erste sichtbare Nordlicht des Herbstes zeigt sich. Und wieder geschieht ein magisches Spektakel vor unseren Augen. Ich lasse den heutigen Tag Revue passieren. Vielleicht sollte man das Und-sie-lebten-glücklich-bis-ans-Ende-ihrer-Tage-Märchen doch besser im Hier und Jetzt leben. Dann höre ich Andy sagen:
– Hey Zach, das war heute echt der reine Wahnsinn.
– Yeah, find ich auch. Ich wünschte, wir könnten das wiederholen.
– Ja, tatsächlich! Håkan: wir habens’ noch gar nicht bis zum Troll-See geschafft. Was meinst du, sollen wir morgen früh dorthin aufbrechen?
– Ja, klar. Warum nicht! Da ist es immer schön.

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