Ein vollgetanktes Auto, robuste Rutenhalter und die Gesellschaft von ein paar sehr leidenschaftlichen Lachsfischern ist ein toller Start für einen ernsthaften Lachsangeltrip in Schwedisch Lappland. Dies ist die Geschichte von drei intensiven Tagen an vier ungezähmten Lachsflüssen in der ‚letzten Wildnis Europas’.

– Einhundertsiebzehn, einhundertzweiundzwanzig, einhundertneunundzwanzig…
Ronny Landin und Erling Holmström schauen sich die letzten Fische an, die von der Kamera in der Fischtreppe des Flusses Kalix in den letzten Tagen registriert worden sind.
– Scheiße, ich sag am besten gar nichts. Das sind echt ein paar ordentliche Kaventsmänner.
Ronny brummt darauf hin nur, ohne seine Augen vom Bildschirm abzuwenden.
Erling, der für das Fischtreppen-Projekt verantwortlich ist, sagt gar nichts. Minuten vergehen. Wir starren gebannt auf den Bildschirm. Ein großer Lachs nach dem anderen ist zu sehen.
– Der Größte, sage ich räuspernd. Wie groß?
Erling antwortet nicht, aber ich merke, dass er etwas sucht.
– Da, sagt er endlich. 137 Zentimeter. Der Größte bisher. Aber es ist erst Juli und der Lachs ist in diesem Jahr spät dran. Da schwimmt sicher noch ein Größerer vorbei, bevor das Eis kommt.*
Er klickt auf den 137er Burschen und eine kurze Filmsequenz mit einem gigantischen Lachs in der Hauptrolle erscheint auf dem Bildschirm.
– Und die Messungen stimmen, sage ich skeptisch.
– Wir schätzen, so Ronny, dass es bei richtig großen Fischen einen oder ein paar wenige Zentimeter abweichen kann.
– Also 137 plus ein paar Zentimeter, sage ich und lasse meiner Fantasie freien Lauf.

Vorfach gerissen

Unser Plan ist es, die gleiche Anzahl an Tagen in drei verschiedenen Flüssen zu angeln. Im Fluss Kalix, im Torne und im Lainio. Ob das eine sinnvolle Idee ist? Wahrscheinlich nicht. Wir werden viel Zeit im Auto verbringen. Mindestens 300 km einfache Strecke. Und bekanntermaßen bekommt man vom Autositz aus selten einen Biss.
– Was hältst du davon, erst zum Ängesån zu fahren?, sagt Ronny.

Der Ängesån (Änge Strom) ist zwar eigentlich nicht Teil unseres Plans, aber man merkt, dass Ronny es unbedingt dort versuchen will.
– Ok, aber dann stehen insgesamt vier Lachsflüsse in drei Tagen auf unserer Liste, meine ich lachend.
Der Ängesån ist ein Nebenfluss und mündet bei Överkalix in den Kalixälven. Er ist definitiv nicht Teil unseres Vorhabens.
Vor etwa zehn Jahren war das Lachsfischen im Ängesån großartig, perfekte Bedingungen zum Fliegenfischen. Doch starke Befischung und ein Mangel an vernünftiger Regulierung führte zu einem radikal schwächeren Lachsaufkommen. Heute ist das Lachsangeln hier nur noch ein Schatten von dem, was es einst gewesen ist. Doch es soll sich langsam wieder erholen.
– Aber der Fluss ist echt traumhaft schön, sagt Ronny und erzählt uns, dass er manchmal, trotz des weniger guten Angelns dort, lieber im Ängesån fischt, als im Kalix.
Wir zollen den Waldwegen Schwedisch Lapplands wirklich Tribut. Die Fahrbahn ist enorm staubig. Manchmal biegen wir rechts ab, manchmal links.
– Hier sind wir, sagt Ronny und macht die Tür auf.

Wir sind an einem fantastischen Pool angekommen. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass der Ängesån im Falle eines besseren Lachsbestandes etwas wirklich Außergewöhnliches wäre. Die Sonne steht recht tief. Ich versuche, einen guten Winkel zu finden, um ein paar schöne Bilder von Ronny zu schießen, wie er immer und immer wieder seine Angelrute schwingt, bis die Fliege etwa 40 Meter entfernt von ihm landet.
Durch die Linse erkenne ich plötzlich, wie er langsam seine Rute anhebt und im nächsten Moment die Oberfläche förmlich explodiert. Einer der seltenen Lachse des Ängesån war so richtig genervt von Ronnys Fliege. Ich drücke den Auslöser meiner Kamera.
Leider dauert der Kampf nicht lange. Sein Vorfach reißt.
– Was zum Teufel, flucht Ronny, als er die Schnur untersucht. Ich hab sie doch grade erst kontrolliert.
– So ist das mit großen Fischen, sage ich. Manchmal verliert man eben welche.
– Das Vorfach war ja nicht einmal beschädigt.
Gedankenversunken lässt er seine Finger entlang der gerissenen Nylonschnur hin und her gleiten.

Auf nach Norden

Am Tag nach dem Ausflug an den Ängesån versuchen wir ein paar Würfe im Kalix, unterhalb des mächtigen Wasserfalls Jockfall. Dieser stürzt beinahe zehn Meter in die Tiefe. Es ist nicht verwunderlich, dass dies ein beliebter Angelplatz ist. Ende der 90er Jahre kamen viele Koryphäen der Lachsfischerwelt zu dem Entschluss, dass der Pool unterhalb des Jockfall einer der besten Lachspools ganz Europas wäre – wenn nicht sogar DER Beste.
– Wenn du Fischkontakt haben willst, ist er wohl immer noch eine Top-Stelle in Skandinavien. Aber viele der Fische entwischen, vor allem die großen Exemplare.
Bevor wir unsere Fahrt gen Norden starten, hat Ronny noch kurz die Zeit, mir einen glänzenden Lachs von 85 Zentimeter zu landen. Einfach so, ganz undramatisch. Es ist mein erster Lachs in diesen Gewässern seit etwa zehn Jahren.
Mein Lachs ist Schuld, dass wir etwas später dran sind. Wir haben eine Verabredung mit Ronnys Lachsbruder Lars Munk in Kengis Bruk, nahe dem Torneälv. Außer Lachsfischen betreibt Lars den Outdoor-Laden Vildmarksmekka in Pajala, ist als Guide für eifrige Angler in Schwedisch Lappland tätig, hat die Pacht von fast 10 km des Laino inne und verwaltet das Angeln in Kengis. Und zusätzlich zu all diesen Dingen ist er ganz nebenbei auch noch ein zertifizierter Ausbilder (EFFA/FFF) mit, wie Ronny immer sagt, einem höllischen Schwung in seinem Wurf.
– Dieses Jahr ist der Torneälv echt gut, meint Ronny ermutigend. Fast so gut wie letztes Jahr.
Grundlage dieses Wissens ist ein Fischzähler in Kattilakoski. 2012 summierte sich die offizielle Lachswanderung auf fast 60.000 Fische und auch in diesem Jahr zeigen sich kontinuierlich gute Zahlen.
Als wir in Kengis ankommen, steht Lars schon bereit. Er hat Feuer gemacht und will, dass wir ihm beim Mittagessen Gesellschaft leisten. Aber ich will nicht essen. Ich will angeln.

Erfüllung

Ich stehe am vorderen Pool im oberen Teil von Kengis. Der Torneälv ist breit. Er lässt sogar den Kalix klein und trivial aussehen. Glücklicherweise befindet sich weniger als 100 Meter draußen eine Insel, die den enormen Strom abtrennt. Dann folgen die Sekunden, bevor Ronny zu kreischen beginnt und ich realisiere, was da gerade geschieht. Ich sehe, wie Lars sich rückwärts in Richtung Ufer bewegt, seine Rute in die Höhe gerichtet. Etwa siebzig Meter draußen im Fluss springt ein Lachs in die Luft. Trotz der Entfernung sieht er groß aus. Riesig, sogar.
Ich werfe meine Angel ins Gebüsch und sprinte los.
Lars setzt den Fisch immens unter Druck. Meiner Meinung nach etwas zu hart und ich sage ihm, er soll es ruhig angehen lassen. Er aber faucht mich an, er würde die Sache schon erledigen. Und natürlich weiß er, was er da tut. Der Kampf dauert nicht lange. Zumindest nicht so lange, wie er gedauert hätte, wenn ich die Sache hätte erledigen sollen. Ronny steigt ins Wasser. Er packt den Fisch mit einem schnellen Griff direkt über der Schwanzflosse. Das Fischphantom von Överkalix sieht klein und mager aus im Vergleich zu diesem großen Exemplar. Er schafft es, den Lachs auf das kleine Grasstück zu bugsieren. Der Fisch zappelt und Ronny bekommt eine verpasst.
– Lass ihn nicht entwischen, brüllt Lars Ronny zu, während er sich selbst auf den Fisch wirft. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, ihn nach unten zu drücken. Der Lachs ist groß. Sehr groß. Naja, wohl der größte gutgenährte Lachs, den ich jemals in freier Natur gesehen habe.
– Verdammt, was für ein Fisch, rufe ich.
– Ja Mann, Teufel aber auch!, sagen die Lachsbrüder gleichzeitig.

Wir machen Fotos und vermessen ihn. Ich bin total fertig. Und das, obwohl ich das ganze Spektakel ja nur durch mein Kameraobjektiv beobachtet habe. Der Fisch misst 117 Zentimeter. Er ist – wie Lars es bezeichnet – halbglänzend und in einwandfreiem Zustand. Ein Gigant Schwedisch Lapplands, wie aus einer dieser unglaublichen Angelgeschichten. Gefangen an einer Schwimmschnur mit einer vier Zentimeter langen Willie Gunn Tube.
Nachdem wir ihn zurückgesetzt haben, explodiert unsere Euphorie vollends. Wir umarmen uns. Schulterklopfen. Der eine schickt SMS, der andere ruft Freunde und Familie an. Jemand öffnet sein Innerstes und lässt seine tiefsten Gefühle zu Tage treten, indem er die Freude darüber hinausschreit, den Fisch seiner Träume gefangen zu haben.
– Schau mal, sagt Lars und zeigt auf sein Telefon.
Die Nachricht ist von seiner Schwiegermutter, die auf das Bild antwortet, das er ihr geschickt hat. VERDAMMT WAS FÜR EIN LACHS, schreibt sie. In Großbuchstaben.

Guide Ronny Landin is spey casting under a midnight sun in Ängesån, Swedish Lapland.

Der Lainio

Lars strahlt mit der Mitternachtssonne um die Wette, als ich am nächsten Morgen die Augen öffne. Wir haben in der Pine Tree Lodge in Kangos, nur vier Kilometer von Lachsfluss Nummer vier entfernt, geschlafen wie die Könige.
– Wir fahren jetzt nach Onka, sagt er und gibt mir eine Tasse Kaffee.
Onka ist ein Klassiker unter den Angelplätzen, zu dem jeder Lachsfischer in Schwedisch Lappland eine spezielle Beziehung pflegt.

Boat transfer across river Lainio - if you have access to a boat you can maximize your chances by trying same casts from the opposite bank as well.

Lars hat ein kleines Zeltlager in Onka. Wir werden echt verwöhnt. Wir genießen Dosenessen mit Gemüse und trinken ordentlich gekochten Kaffee, zum Abschluss des Essens gibt es getrocknetes Rentierfleisch. Vielleicht haben wir uns aus diesem Grund auch keinen Lainio-Lachs verdient. Lars Freund Kricka wiederum vermeldet regelmäßig Fänge. Er landet drei Fische, bevor wir Feierabend machen und uns wieder auf dem Boden der Tatsachen befinden. Die Lachsfischerrealität – bestehend aus Autofahren, leeren Würfen, Dosenessen aber auch mit guter Gesellschaft und der Möglichkeit, die Aufregung mit anderen zu teilen – und sei es nur durch eine für gewöhnlich kurze SMS.
– Du weißt, dass es nicht so einfach ist, sich nach dem gestrigen Tag wieder richtig mit Spannung aufzuladen, sagt Lars.
– Als Lachsfischer sollte man seine Erwartungen eigentlich nicht übertreffen, finde ich. Zumindest nicht so sehr, wie gestern.
– Als würde man nach den Baumkronen greifen und dann versehentlich bei den Sternen landen, philosophiert Ronny.

Wir sind uns einig, dass sich so etwas nicht wiederholen lässt. Wir können unser Vorhaben nicht aus den Augen verlieren, nur weil eben nun EIN einziger gigantischer Fisch gefangen wurde.
– Man sollte sich nicht zufrieden geben, sagt Ronny und ich stimme ihm zu.
– Wie wärs’ nächsten Sommer – lass uns doch fünf Lachsflüsse in vier Tagen machen und mindestens einen Lachs in jedem Fluss fangen, meint Lars grinsend.

* Erling hatte bezüglich der großen Fische wohl Recht. Am 3. August passierte tatsächlich ein gewaltiger Lachs von 151 Zentimetern den Jockfall.

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