Meine Beziehung zu Kebnekaise entwickelte sich lange bevor ich sie überhaupt in natura zu sehen bekam. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es richtig ist, einem Berg ein Geschlecht zu verleihen. Aber die Kebnekaise lernte ich zuerst als Frau kennen, soviel steht fest.

Hintergrund dieser Geschichte ist, dass meine Mutter mir und meinem vier Jahre jüngeren Bruder einst vom höchsten Berg Schwedens erzählte. Da mein kleiner Bruder Erik das alles damals noch nicht so ganz verstand, bekam er den Eindruck, dass es sich um ein mächtiges, etwas bösartiges Wesen namens ‚Kebnekajsa’ handelte. Seine Ängstlichkeit war natürlich eine großartige Waffe für einen spottenden älteren Bruder wie mich. Es reichte aus, Kebnekajsa einfach nur kurz zu erwähnen, um meinen unschuldigen kleinen Bruder aus purer geschwisterlicher Liebe heraus zu schikanieren.

Erik aber war dann der erste von uns, der ‚Kebnekajsa’ in natura treffen durfte – bei einer Gipfelbesteigung, die er doppelt so schnell schaffte, wie ich später die meine. Begründen lässt sich dies natürlich einzig und allein mit der Tatsache, dass ich im Frühlingswinter und er im Sommer dort war. Als weiteren wichtigen Punkt muss man betonen, dass ich damals zudem sehr viel Kameraausrüstung schleppen musste und er nicht.

Mein eigener Besuch am höchsten Berg Schwedens fand Mitte April 2013 statt. Jonas Gustafsson, mein Freund aus Kindertagen, und ich reisten mit dem Auto von Piteå bis hinauf ans Ende der Straße zur Touristenstation in Nikkaluokta. Die Fahrt dauerte fünf Stunden und das Beste kam zum Schluss – als sich die Landschaft allmählich total veränderte und die umliegenden Berge begannen, sich immer höher in den Himmel zu türmen. Die Atmosphäre wurde langsam abenteuerlich und wir wurden immer neugieriger, je näher wir unserem Ziel kamen.

Wir, vor allem mein Freund Jonas, waren schon immer sehr aktive Outdoor-Menschen gewesen. Das ist auch der Grund, warum ich etwas zurückhaltend bin, wenn es um unsere Tour zwischen Nikkaluokta und der Kebnekaise Bergstation geht…denn die unternahmen wir mit Schneemobilen. Die Fahrt war wirklich schön und in den maßgefertigten Schlitten, auf denen bis zu sechs Leute mitsamt Gepäck Platz finden, auch sehr bequem. Was mich nachträglich jetzt aber so ärgert, ist der Prestigeverlust, wenn man den einfachen Weg wählt, anstatt mit Skiern loszuziehen. Ich werde also wieder einmal alles nur auf die Kameraausrüstung schieben, die ich dabei hatte.
Was die Bergstation betrifft, so wusste ich nicht recht, was mich erwartet.

Normalerweise gehe ich mit geringen Erwartungen an die Sache heran, um vielleicht am Ende überrascht zu werden. Ich wappne mich quasi gegen jegliche Enttäuschung. Aber die Kebnekaise Bergstation war keine Enttäuschung. Ich bin stets fasziniert von jeglichen größeren Anlagen, die sich an sehr abgelegenen und ungewöhnlichen Orten befinden. Die Bergstation war umfangreicher als erwartet, hatte sich aber dennoch die richtige Atmosphäre und einen guten Standard bewahrt.

Als wir dort ankamen, trafen wir auch gleich zwei bekannte Gesichter aus Piteå. Zum einen Bergführer Clas-Jörgen Pohl sowie den früheren Radprofi Mikael Lundberg. Nachdem wir eingecheckt und uns in den gemütlichen Zimmern, nur einen Steinwurf vom Hauptgebäude entfernt, eingerichtet hatten, gingen wir auf die Suche nach dem Restaurant.

Wie die meisten Menschen und Lebewesen im allgemeinen, esse ich sehr gerne. Man könnte mich vielleicht sogar als kleinen Food-Nerd bezeichnen. Die Logos des Restaurantführers The White Guide am Eingang des Restaurants der Bergstation verrieten uns, dass ein kulinarisches Erlebnis vor uns lag. Und ein paar Stunden später war es auch schon in unseren Bäuchen verschwunden. Uns wurde ein interessantes und anspruchsvolles Drei-Gänge Menü serviert, von welchem mir im Nachhinein die Karottensuppe als Vorspeise zuerst wieder spontan in den Sinn kommt.

Nach einer guten – aber wie immer etwas zu kurzen – Nacht zeigte der Kalender jetzt den Tag X an. Um ganz ehrlich zu sein, konnte ich beim Gedanken an das Unbekannte ein paar Schmetterlinge im Bauch spüren. Würde das Wetter bis zum Gipfel hinauf mitspielen? Wie anstrengend würde es wirklich werden? Und vor allen Dingen: Würde ich es schaffen?

Am Abend zuvor waren wir in der Lobby der Bergstation gesessen und dort erneut mit zwei Typen aus Piteå ins Gespräch gekommen. Da diese Gentlemen bei ihrer Reise zum Kebnekaise das gleiche Ziel wie wir verfolgten, beschlossen wir, uns zu verbünden.
Und endlich waren wir also hier: Draußen im Hof vor der Station wagten wir unseren ersten Vorstoß auf unserer Reise hinauf zum Dach Schwedens. Das Wetter hätte nicht besser sein können. Es war ein grandioser Frühlingsmorgen mit guten Bedingungen zum alpinen Skifahren. Wir wählten die sogenannte „Westroute“ anstatt der östlichen, die zwar etwas kürzer, jedoch auch anstrengender gewesen wäre. Auf dem ersten Stück der Strecke überquerten wir den überaus malerischen Berg Tolpagorni. Er ist 1.662 Meter hoch, steil und von einem sehr markanten Krater auf der Spitze gekennzeichnet. In meiner Vorstellung steht ein Berg wie der Tolpagorni symbolisch für alpine Regionen.
In bergigem Terrain ist es immer schwierig, Entfernungen richtig einzuschätzen.

Anfahrt

Der Kebnekaise, Giebmegáisi, ist der höchste Berg Schwedens. Der südliche Gipfel liegt 2102 Meter über dem Meeresspiegel. Trotz seiner Lage in der Wildnis, befindet sich am Fuße des Berges die Kebnekaise Bergstation, die seit über einem Jahrhundert Besuchern Zuflucht und Erholung bietet. Hier gibt es nicht nur gemütliche Betten und eine warme Mahlzeit – sogar eine Bäckerei befindet sich in einem der Gebäude. Der perfekte Ausgangspunkt für eine Bergtour. Die Straße endet in Nikkaluokta, 19 km vom Kebnekaise entfernt. Das letzte Stück kann man zu Fuß oder auf Skiern zurücklegen. Möchte man seine Energie aufsparen, gibt es auch andere Transportmöglichkeiten wie Schneemobile im Winter oder einen Helikopter im Sommer.

Was eigentlich wie ein paar Fußballplätze aussieht, entpuppt sich in Wahrheit als einige Kilometer. Das wurde ziemlich deutlich, als wir von der Bergstation das sogenannte „Kessel-Tal“ hinauf marschierten. Das dauerte am Ende nämlich sehr viel länger, als ich eigentlich erwartet hatte. Hier wurde es steiler und die extra breiten Kletterfelle, die ich gekauft hatte, erwiesen sich in Kombination mit meiner mangelnden Erfahrung dieser Art des Skifahrens als eine Mischung, die sich bald bemerkbar machte und ich auch zu spüren bekam. Ein weiteres Detail, das die Sache zunehmend schwierig gestaltete, waren die steigenden Temperaturen. Was anfangs noch Pulverschnee war, klebte nun an den Skiern fest.

Als das Terrain zunehmend steiler wurde, klopfte mein Herz immer schneller, was wiederum zu einem ziemlich nassen Base-Layer führte. Es fühlte sich an, als hätte ich einen Klumpen Zement an jedem Bein kleben, als ich versuchte, am Rest der Gruppe dranzubleiben. Das Gefühl beunruhigte mich, da es sich ja erst um einen kurzen und noch frühen Teil dieser Tour handelte.

Als wir den ersten Gletscher erreichten, war es endlich an der Zeit, die vom Schnee schwer gewordenen Skier abzuschnallen und in die Steigeisen zu wechseln. Das sind eine Art Metallrahmen mit Spikes an der Unterseite, die man an den Schuhen oder Skistiefeln befestigt. Ich verwendete zum ersten Mal Steigeisen. Es war endlich eine positive Erfahrung, zu spüren, wie gut sie funktionierten, als ich den steilen, schneebedeckten Pfad zum Berg Vierramvare emporstieg.
Nach etwa einer Stunde Fußmarsch mit Steigeisen in steilem Terrain erreichten wir den Gipfel des Vierramvare.

Das bisher nur aus Sonne und blauem Himmel bestehende Wetter schlug plötzlich in Wind und Nebel um. Wir alle finden andere Dinge toll und ich gehöre zu jenen Menschen, die so etwas eher für eine interessante Wendung halten. Jeder wird konzentrierter und wir mussten das GPS hervorholen, um sicher zu gehen, dass wir nicht vom Kurs abkommen. Das ist umso wichtiger, wenn man sich in einem Gebiet mit steilen Abhängen und Schneewächten aufhält.
Als wir den Gipfel passiert hatten, ging es hinunter ins sogenannte ‚Kaffee-Tal’, was auch unser letzten Halt vor dem finalen Aufstieg zum Gipfel war. Wie mir gesagt wurde, entscheiden sich im Kaffee-Tal viele, ob sie weitergehen oder umkehren. Letztere Alternative wäre in Anbetracht der harten Arbeit, die wir bereits hinter uns hatten, eine echte Enttäuschung gewesen. Falls wir aber diese Entscheidung getroffen hätten, wäre es mir nicht möglich gewesen, diese Geschichte zu beenden.

Zumindest die Wettergötter waren uns gewogen und nachdem wir für eine dringend benötigte Stärkung angehalten hatten, riss auch die Wolkendecke auf. Wir konnten also endlich unseren letzten Aufstieg zum Gipfel in Angriff nehmen.

Die vertikalen Meter, die wir an diesem Morgen schon zurückgelegt hatten, begannen sich bemerkbar zu machen, als wir den steilen Südhang des Kebnekaise hinaufstiegen. Unsere Wasserflaschen waren leer und wir mussten immer wieder anhalten, um Schnee zu essen – etwas, wovor ich seit Kindertagen gewarnt wurde. Man solle keinen Schnee essen, um keine Bandwürmer oder andere Dinge zu riskieren. Aber die Not kennt kein Gebot und wenn du durstig bist, bist du eben durstig. Es erwies sich als absolut unproblematisch.

Unsere Neugier wuchs, als wir uns dem Gipfel näherten und ich wurde immer ungeduldiger, ihn zu sehen: den höchsten Punkt Schwedens. Auf dem Weg nach oben entdeckten wir eine weitere interessante Besonderheit. Wir fanden neben einer der Gipfelhütten die höchste Outdoor-Toilette in Schweden. Und es war nicht wirklich die Outdoor-Toilette an sich, die so interessant war. Es war mehr ihr Zustand. Um es einfach auszudrücken: Jemand, der wirklich musste, hatte seinen Besuch im höchsten Klo des Landes erst einmal damit zu beginnen, eine halbe Stunde lang Schnee zu schippen. Jemand hatte die Tür offen gelassen und das Häuschen war komplett voller Schnee.
Und dann kam er endlich: Der letzte Bergrücken. Der Ort, der von Kindesbeinen an immer wieder in meinen Gedanken und meiner Fantasie auftauchte, war plötzlich in Sichtweite, direkt vor meinen Augen. Das Faszinierendste an diesem Anblick war, dass es sich tatsächlich um einen richtigen Gipfelpunkt handelte. Eine Art großem und spitzen Schneehaufen, direkt hier auf dem Gipfel des Berges.

Die letzten hundert Meter fühlten sich wie nichts an und man konnte die wachsende Freude der Gruppe spüren. Als der letzte Anstieg hinter uns lag und wir uns schließlich auf dem Südlichen Gipfel befanden, erklang Jubelgeschrei und wir klatschen einander natürlich ab. Das Wetter war absolut traumhaft mit klarem, blauen Himmel und einem Ausblick in alle Richtungen, so weit das Auge reichte.

Wir habens’ geschafft! Und tief drinnen nagte ein gewisser Stress, um auch ja so viel aufzusaugen, wie nur irgend möglich – jetzt, wo man schon hier ist. Auf der Spitze Schwedens.

Im Nordosten sah man den sogenannten ‚Drachenrücken’. Dieser Bergkamm führt auf den unteren Kebnekaise-Gipfel: den Nordgipfel. Als wir den schmalen Rücken mit den beiderseits steilen Abhängen betrachteten, mussten wir natürlich an den Flugzeugabsturz denken, der sich hier vor etwa einem Jahr ereignet hatte. Man kann sich gar nicht vorstellen, welch ein Aufprall es gewesen sein muss, als die Norwegian Hercules Maschine unmittelbar in die Bergwand krachte – direkt zwischen die höchsten Berge Schwedens.

Als wir unsere Anstrengungen verewigt und so viele Eindrücke sowie Gefühle von diesem Gipfelbesuch eingefangen hatten, wie wir nur konnten, war es an der Zeit, uns auf den langen Rückmarsch zu machen. Als wir an den zuvor erwähnten Gipfelhütten vorbeikamen, legten wir eine letzte Rast ein, um zu Essen und zu Trinken. Außerdem schmolzen wir Schnee auf einem Gaskocher, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen.
Auf unserem Weg hinauf vom Kaffee-Tal, erneut über den Vierramvare, haben mein Freund Jonas und ich einen Tausch gemacht, der mich eine wichtige Lektion lehrte. Als wir heute von den Skiern auf Steigeisen umgestiegen waren, hatte ich Jonas meine Stöcke geliehen, weil einer der seinen gebrochen war, als wir über den ersten Gletscher gingen. Das würde ja wohl nicht viel Unterschied machen?

Dieser Unterschied erwies sich in der Tat als wichtig. Natürlich bestand unsere Gruppe aus zwei ehemaligen Gebirgsjägern, dem zuvor erwähnten Bergführer Pohl, dem Radprofi Lundberg und meinem Freund Jonas, der schon den Wasa-Lauf auf Skiern bestritten hatte. Es war also keine große Überraschung, dass ich tagsüber immer zurücklag. Jetzt aber meine Arme benutzen zu können, um anzuschieben und nachzuhelfen, erwies sich nach dem Marsch mit Steigeisen als eine revolutionäre Veränderung meiner Kondition sowie meines Körpers.

Als wir zu den Skiern hinabgestiegen waren, beendeten wir den Tag mit einer wundervollen Skiabfahrt im Lichte der rötlichen Nachmittagssonne. Das war definitiv einer der besten Momente dieser Tour. In ungestörter Ruhe hinabgleiten zu können, dem Gesang des Windes zu lauschen und die Erlebnisse des Tages Revue passieren zu lassen. Wir waren zurück an der Bergstation, noch bevor es dunkel wurde und ich war unfassbar müde. Naiv wie ich war, hatte ich mir ausgemalt, wie wir mit diversen Getränken feiern und vor dem Kamin in der Lobby sitzen würden, um uns über die Geschehnisse des Tages zu unterhalten.
Stattdessen genossen wir ein unglaublich gutes und dringend benötigtes Abendessen ohne große Gespräche. Nach einem schnellen Besuch im Laden, in dem wir alle das entsprechende T-Shirt kauften, ging es sofort ab ins schönste Bett der Welt. Wer hätte gedacht, dass dieser Titel an ein einfaches Etagenbett gehen würde?

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