Das Sápmi Nature Camp liegt etwas außerhalb von Gällivare. An diesem Ort taucht man auf verschiedene Art und Weise in eine völlig andere Welt ein. Hierher sollte man kommen, wenn man sich ein wenig verändern möchte.

Das Sápmi Nature Camp in Gällivare, nördlich des Polarkreises und in der Mitte Schwedisch Lapplands, hatte ich schon seit längerem als Ziel meiner Reise nach Norden auserkoren. Dort angekommen empfängt mich Lennart Pittja mit einem herzlichen Lächeln und einer kåsa, einer traditionellen samischen Tasse, mit heißem Kochkaffee und Kaffeekäse.
— Willkommen in Sápmi, entgegnet er.
— Danke schön, antworte ich. Es war gar nicht so schwer, hierher zu kommen.
— Ja, es ist nicht schwierig zu finden. Hoffentlich hast du jetzt richtig Lust, bei uns etwas für dich eher Ungewohntes zu erleben. Unser Ziel ist es, dass du viele neue Dinge über die Kultur der Samen und dabei zugleich auch etwas über dich selbst lernst.

Das Sápmi Nature Camp liegt nur 15 Minuten vom Zentrum von Gällivare entfernt an der Grenze zum Welterbe-Gebiet Laponia. Es handelt sich hier um ein kleines Unternehmen mit einer großen Geschichte. Ich war etwas nervös, mitten im arktischen Winter mit seinen beachtlichen Minusgraden hierher zu kommen. Immerhin habe ich vor, ein paar Tage auf diesem Glamping-Platz zu bleiben, ohne Strom und fließend Wasser. Nachts schlafe ich im Zelt. Ja, ok – es handelt sich um ein samisches Zelt mit Holzboden, einem Ofen und richtigen Betten. Aber trotzdem: ein Zelt. Das wird echt spannend.

Ich träume schon lange davon, mehr über Sápmi und die samische Kultur zu erfahren. Jetzt befinde ich mich im Herzen von Sápmi und irgendwie fühlt sich meine Unsicherheit ziemlich seltsam an, ja, sogar unnötig. Die Samen und andere indigene Völker haben tausende von Jahren mit der Natur, in Zelten, gelebt. Ihre Lebensumstände waren sehr viel härter als alles, was ich nun erleben werde. Die Fotos, die Lennart mir vor Reiseantritt zukommen ließ, hatten mich überzeugt, dass dies hier wohl eine großartige Erfahrung werden würde. Nordlichter und richtiger Winter. Bequeme Unterbringung mit einem Hauch von Safari-Feeling, das ich bisher nur in Masai Mara erlebt hatte.

Eine Art arktisches Glamping.

Mein ‘Zimmer’ wartet auf mich und Lennart hilft mir mit meinem Gepäck. Das Zelt ist von Schneemassen umgeben und im Hintergrund sieht man weiß gezuckerte Bäume. Es fühlt sich unwirklich und gleichzeitig auch wieder völlig natürlich an. Als ich mein ‘Zimmer’ betrete, verschwinden jegliche Zweifel im Hinblick auf den Komfort. Im Inneren brennt ein Feuer im Ofen. Es ist warm und gemütlich. Neben zwei Öfen, die das Zelt warm halten, wird der meiste Platz von einem großen Bett eingenommen. Es gibt eine Sitzecke und eine kleine gasbetriebene Verbrennungstoilette. Als Lichtquellen fungieren die Öfen und ein paar Kerosinlampen – natürlich nur dann, wenn draußen nicht gerade Nordlichter und Sternschnuppen für „Erleuchtung“ sorgen.

Das Sápmi Nature Camp liegt wirklich mitten in der Natur.

Das letzte Mal, dass ich an einem Ort war, der sich derart wild und schön angefühlt hat, befand ich mich in der afrikanischen Savanne. Nichts könnte weiter weg sein und dennoch wirkt es irgendwie gleich. Ich finde Lennarts Idee klasse, ein ‘Hotel’ zu bauen, ohne in die Landschaft einzugreifen. Wenn der Campingplatz schließt, baut er seine Zelte ab und hinterlässt keinerlei Spuren. Hier wird Nachhaltigkeit in die Praxis umgesetzt, ganz in der Tradition der Samen. Abgesehen von den sechs Zelten gibt es noch ein Haupthaus aus Holz von 1910. Nachdem ich ausgepackt habe, gehe ich dort hin. Ruhe breitet sich in mir aus. Wir essen im Schein der Kerze und des knisternden Kaminfeuers. Die Vorspeise besteht aus mariniertem Schneehuhn. Als Hauptspeise gibt es von Lennarts Bruder in einem Bergsee gefangenen Fisch, der vor dem Abendessen noch von Lennart selbst geräuchert wurde. Abschließend genießen wir noch ein Moltebeer-Tiramisu.

Das Essen besteht aus Produkten, die lokal oder von den Mitgliedern der Familie Pittja selbst produziert werden.

Wir unterhalten uns über Sápmi und das Leben der Samen. Lennart erzählt von einer Kulturlandschaft, die sich rasant verändert. Natur bedeutet hier Rentierland. Ein Ort, an dem die Samen jahrtausendelang behutsam Tiere, Beeren, Kräuter, Wasser und Feuerholz für ihre natürliche Vorratskammer geerntet haben. Alles hat eine eigene Geschichte. Jeder Gipfel, See und Sumpf hat einen samischen Namen, der einem mehr über den Ort selbst verrät. Es gibt keine sichtbaren alten Ruinen, doch das bedeutet nicht, dass hier noch nie jemand gelebt hätte.

– Viele bezeichnen das hier als Wildnis. Doch es ist Sápmi – das Land der Samen. Wir leben hier seit Tausenden von Jahren und es ist alles andere, als eine Wildnis. Eigentlich handelt es sich hier vielmehr um meinen Hinterhof, sagt er lächelnd.
– Es als Wildnis zu bezeichnen, verschleiert meine Kultur, meine Familie und meine Vorfahren. Wir leben seit uralten Zeiten in dieser Gegend, auch wenn wir keine Spuren hinterlassen.

Das Gehöft, auf dessen Gelände Lennarts Campingplatz liegt, wurde 1767 erbaut und bis Mitte der 40er Jahre von verschiedenen Familien bewohnt sowie genutzt. Seit 1995 gehört es dem Heimatkundeverein von Gällivare, der es liebevoll bewahrt. Der geschützte Hof liegt auf dem Rentierweideland von Unna Tjerusj, wozu Lennart gehört. Er selbst arbeitet auch mit dem Heimatkundeverein zusammen.

Nach dem Abendessen probieren wir die warme Winterkleidung, die wir während unseres Aufenthaltes tragen werden. Schuhe, Schneemobil-Overall, Mütze und Handschuhe – damit wir draußen bleiben können, ohne zu frieren. Tatsächlich darf ich sie auch gleich anbehalten. Als wir nämlich nach dem Essen nach draußen gehen, ist der Himmel klar. Ich frage mich, ob ich jemals schon so viele Sterne auf einmal gesehen habe. Über den Zelten tanzen die Nordlichter und erfüllen mich mit Wärme, Freude, Glück. Ein Traum ist wahr geworden.

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Für mehr Informationen, besuche sapminature.se.

Am nächsten Morgen schnallen wir die Skier an und machen uns auf den Weg. Wir entdecken Spuren von Schneehühnern, Elchen, Rentieren und Füchsen. Irgendwie ist dieser Aufenthalt voller Kontraste: Das Camp verfügt weder über Strom noch fließend Wasser, dennoch herrscht dort eine wunderbare Wärme, die mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Man hat kein WiFi-Netz, aber ich fühle mich trotzdem verbunden – dieses mal aber mit dem Leben.

Sápmi ist eng mit Geschichten über Nahrung, Natur und Licht verwoben.

Denn das arktische Licht besteht aus sehr viel mehr, als nur den Nordlichtern. Während unserer Skitour zeigt sich der Himmel in den auserlesensten Pastelltönen aus Blau und Violett. Es fühlt sich an, als würde man durch ein großartiges Kunstwerk fahren, denke ich bei mir, als wir zum Camp und der holzbeheizten Sauna zurückkehren. Das Sápmi Nature Camp bedeutet, „nahe“ zu sein. Nahe an der Natur, mit all ihren Eindrücken. Aber auch nahe an der Kultur der Samen. Ich fühle mich hier in Sápmi plötzlich auf seltsame Weise zuhause.

Ich sollte auf jeden Fall länger bleiben.

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