Von einer Kindheit in Süddeutschland und der Verlagsarbeit in Stuttgart mag der Weg zu brutalen Morden im nordschwedischen Jokkmokk lang erscheinen. Hiltrud Baier, die bereits zwei Kriminalromane veröffentlicht hat, ist nun wieder mit einem neuen Roman zurück. Dieses Mal geht es aber nicht um grausame Morde, sondern um eine subtile Geschichte aus der Perspektive zweier Frauen, die in Süddeutschland und Jokkmokk spielt.

Jokkmokk bedeutet mittlerweile sehr viel für Hiltrud Baiers schriftstellerische Arbeit. Hier fand sie die Stille, Ruhe und Inspiration für ihr Schreiben und von hier stammen viele Milieus ihrer Bücher.

„Wir haben den Markt von Jokkmokk einige Male besucht und waren fasziniert von der Umgebung, der Natur und der samischen Kultur“, erzählt Hiltrud und fährt fort: „Der Ort, die Natur und die Menschen sind eine große Inspirationsquelle, aber die Ruhe und die Stille erleichtern es mir, mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich direkt in den Wald, sodass es nicht viel Ablenkung gibt“, meint sie.

Durch ihr Germanistikstudium und die Arbeit in einem Stuttgarter Verlag war die Literatur stets ein wichtiger Teil in Hiltruds Leben, das Schreiben jedoch nicht immer. Erst als sie nach Schweden kam, veröffentlichte sie ihr erstes Buch – einen Ratgeber für Deutsche, die nach Schweden auswandern möchten. Im Jahr 2014 folgte dann das erste belletristische Werk von Hiltrud Baier, der Kriminalroman „Totenleuchten“, der unter dem Pseudonym Klara Nordin veröffentlicht wurde.

”Der Verlag war der Meinung, dass ich unter diesem Pseudonym schreiben sollte, da man der Ansicht war, dass es für den Buchlaunch auf dem deutschen Markt von Vorteil wäre. Und Klara Nordin passt im Deutschen sehr gut“, erzählt Hiltrud.

„‘Totenleuchten‘ ist ein Kriminalroman, dessen Handlung sich während des Jokkmokk Wintermarkts abspielt: Ein Mann wird oben am Aussichtspunkt Storknabben brutal ermordet und das ist der Auftakt für eine lange Untersuchung“, sagt Hiltrud Baier.

Zwei Jahre später erschien der zweite Kriminalroman von Hiltrud Baier: Septemberschuld. Er spielt während der Schlachtzeit im Herbst bei Guorbák, wo eine ermordete Frau aufgefunden wird. Hier zeigt sich, dass die Kultur der Sami eine wichtige Quelle für Hiltrud Baier ist, wenn es um Milieus und Inspiration geht.

„Anfangs wollte ich eigentlich gar keine Kriminalromane schreiben. Ich wollte über die Sami und ihre Kultur schreiben. Aber dann dachte ich, dass schließlich sehr viele Menschen Krimis lesen“, lacht Hiltrud Baier.

Mit Schriftstellern wie Henning Mankell, Stieg Larsson, Anne Holt und Håkan Nesser hat sich Nordic Noir in den vergangenen Jahrzehnten zu einem internationalen Begriff entwickelt –auch in Deutschland, wo es laut Hiltrud ein großes Interesse an diesem Genre gibt. Gleichzeitig würde sie sich aber wünschen, dass es im Gegenzug auch in Skandinavien Interesse an deutscher Literatur geben würde:

„Mankell wurde sehr früh ins Deutsche übersetzt und wurde sehr bekannt. Dann folgten eine ganze Reihe schwedischer und nordischer Schriftsteller, aber leider fand diese Entwicklung nur einseitig statt: Nur wenige deutsche Bücher werden ins Schwedische übersetzt“, sagt Hiltrud Baier.

„Ich würde mich freuen, wenn meine Romane übersetzt werden würden, und da ich mich stark von den samischen Milieus inspirieren lasse, wäre es mir am liebsten, wenn sie sowohl ins Schwedische als auch ins Samische übersetzt würden. Zurzeit werden meine Romane überwiegend in den deutschsprachigen Märkten und an deutschsprachige Jokkmokk-Touristen verkauft“, meint Hiltrud Baier.

„Auf dem deutschsprachigen Markt ist das Interesse an meinen Büchern groß und ich habe auch schon Lesungen für deutsche Touristen in Jokkmokk abgehalten, die dann im Anschluss Krimiwanderungen in Jokkmokk gemacht haben, um sich die Orte und Plätze aus den Büchern anzusehen“, erzählt Hiltrud Baier.

Hiltrud denkt, dass die Deutschen generell ein sehr positives Bild von Schweden und insbesondere von Nordschweden haben und dass das Interesse an unserer Region groß ist –speziell, wenn es um die Kultur und Geschichte der Sami geht:

„Manchmal denke ich, dass sich die Deutschen viel mehr dafür interessieren als die Schweden“, sagt Hiltrud Baier. Sie meint, dass aber nicht nur die Menschen und die Kultur hier einzigartig seien, sondern dass die Natur, die Stille, die Einsamkeit und das Gefühl der Freiheit starke Anziehungspunkte für eine Reise in den Norden Schwedens sind.

„Auf dem europäischen Kontinent leben so viele Menschen dicht gedrängt. Einer meiner Bekannten lebt in der Schweiz und kommt häufig hierher, um zu wandern. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Schweizer ja selber eine tolle Bergwelt zum Wandern haben. Aber es sind eben die Stille, die Einsamkeit und die Freiheit, die hierher locken“, erzählt sie. „In dieser Form kann man das in Europa kaum erleben. Fast immer ist man von Menschen umgeben und man hat auch nicht dieselbe Freiheit, sich frei in der Natur zu bewegen.“

Romane von Hiltrud Baier
Totenleuchten von Klara Nordin (Pseudonym), Kiepenheuer & Wisch Verlag, 2014.
Septemberschuld von Klara Nordin (Pseudonym), Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2015.
Helle Tage, helle Nächte von Hiltrud Baier, Fischer/Krüger Verlag, erscheint am 25. Juli 2018.

Im Sommer wird Hiltrud Baiers Roman „Helle Tage, helle Nächte“ veröffentlicht. Dabei geht es dieses Mal aber nicht um brutale Morde, sondern um eine spannende Geschichte, die sich um zwei Frauen dreht.

„In dem Roman geht es um eine Frau und ihre alternde Tante“, erzählt Hiltrud. „Die Handlung spielt sowohl in Süddeutschland als auch in Jokkmokk: Die jüngere Frau reist nach Jokkmokk, um einem alten Mann einen Brief auszuhändigen. Sie findet ihn aber nicht direkt und folgt seiner Spur nach Stáloluokta. In diesem Roman schreibe ich aus zwei Perspektiven: Einmal aus der der älteren Frau, die in Süddeutschland wartet, und einmal aus der Perspektive der Nichte, die in der Samisiedlung Stáloluokta auf Einsamkeit und Stille trifft.“

Möglicherweise steht der Roman auch symbolisch für Hiltrud Baiers eigene Reise – als Einwohnerin von Jokkmokk mit Wurzeln in Süddeutschland und der Sehnsucht, gelegentlich die Heimat in Deutschland zu besuchen.

„Wenn ich nach Deutschland reise, empfinde ich den Unterschied nach 17 Jahren in Schweden mehr als deutlich. Es ist ein enormer Kontrast mit vielen Menschen und Staus, aber manchmal brauche ich das“, erzählt Hiltrud Baier. „Gleichzeitig fühle ich mich aber befreit, wenn ich anschließend wieder in die Stille und Ruhe von Jokkmokk zurückkehre und dem Gedränge und dem Verkehrschaos entkomme“, schließt sie mit einem Lächeln.

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